Manko Mann holt auf

Das Palace ist auch ein Ausstellungsort. Den Beweis erbringt «The John Institute» mit Untersuchungen männlicher Rollenmodelle in der zeitgenössischen Kunst.

Ursula Badrutt Schoch
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Krimi im Orchestergraben: Die Bosnierin Lala Rascic spielt in «Everything is connected» Männertypen aus einem Hörspiel der 20er-Jahre. (Bild: Reto Martin)

Krimi im Orchestergraben: Die Bosnierin Lala Rascic spielt in «Everything is connected» Männertypen aus einem Hörspiel der 20er-Jahre. (Bild: Reto Martin)

Aufdrängen tun sie sich nicht. Die Inszenierungen sind diskret, sie wollen entdeckt werden, aufgespürt, erarbeitet. Die Gesten des Männlichen, die das John Institute im Palace vorführt, sind auf Reflexion getrimmt und oft filmischer Art. Manchmal skurril verdreht oder irritierend fragmentiert bis abwesend. Das passt zum aktuellen Engagement und ramponierten Charme des ehemaligen Kinos zwischen Repräsentation und Verschwinden.

Am Anfang das Wort

Vielleicht vor lauter Übereinkunft betreffend Heldentum und Männlichkeit ist die Auseinandersetzung mit männlichen Rollenmodellen in der Kunst ein Stiefmutterthema. Drei Männer – Burkhard Meltzer, Jean-Claude Freymond-Guth und Michael Hiltbrunner, die Gründer und Betreiber von «The John Institute» – haben nach Werken zu Otto Normalverbraucher (oder eben John) gesucht, die Klischees bröckeln lassen und nach neuen Möglichkeiten des Mannseins suchen. Fündig geworden sind sie ebenso bei Frauen wie bei Männern.

Schutzhüllen sind abgelegt. Der liegende nackte Mann vor den Toiletten zählt alle seine Körperteile auf, sucht nach dem passenden Wort, während die Kamera und damit auch das Publikum seinen Körper abtasten. «Travelling Eye» von Nicole Bachmann verbindet auf gelungene Weise Distanz und Offenheit. Das könnte ein Neuanfang sein. Aus Frauensicht. 14 künstlerische Positionen verteilen sich in den Räumlichkeiten. Besonders theatralisch ist die Ausstellung nicht geworden. Die fehlenden Klischees verlangen ein differenziertes Nachdenken.

Das ist nicht immer lustig und lustvoll. Bei Lala Rascic aber schon. Sie spielt über fünf Monitore verteilt ein französisches Kriminalhörspiel aus den 1920er-Jahren nach – auf Bosnisch –, wobei sie alle fünf verschiedenen männlichen Charaktere selber spielt. Plaziert ist die Arbeit «Everything ist Connected» im Orchestergraben, dort, wo zur Zeit, als das Hörspiel entstand, der Pianist die Stummfilme begleitete. Solche Plazierungen sind geglückt. Dass praktisch keine der Arbeiten für den Ort und den Anlass entstanden sind, ist zu bedauern, betont aber den Charakter der Ausstellung als Forschungsarbeit.

Zaghaft fündig

Einzig die Transparente vom Kollektiv Discoteca Flaming Star haben sich direkt auf die Bühne gewagt. Sie sind integraler Bestandteil der Auftritte, aber auch autonome Kunstwerke und Projektionsfläche zwischen Starkult und flüchtigen Erinnerungen.

Die Frage nach der männlichen Geste wörtlich zu nehmen scheint Michael van Ofen mit seinen auf wenige Pinselzeichen reduzierten Malereien. Verausgabend bis zum Exzess geht Erik van Lieshout den Möglichkeiten männlicher Identitäten in Selbstversuchen nach. Gezeigt werden in St. Gallen aber nicht seine verstörenden filmischen Arbeiten, sondern für die Vitrinen zugeschnittene Papierarbeiten.

Von Laibach, der Band, die in totalitärer Aufmachung seit über 20 Jahren Repression und Neofaschismus den Krieg erklären, läuft die Videoaufzeichnung jenes Interviews im jugoslawischen Staatsfernsehen zu Tito-Zeiten, das zusammen mit einem Auftritt in Ljubljana einen Landesverweis zur Folge hatte. Das historische Dokument lässt die Frage aufkommen, ob die Mitglieder von «Neue Slowenische Kunst» auch bald im Palace auftreten.

Am Ende Mut

Unmittelbar funktioniert Jesper Justs Filmarbeit, «Invitation to Love» im improvisierten Studiokino: Nach verhaltenden Anfängen gibt es einen properen Tabledance. Dann wieder peinliche Starre und Unsicherheit. Die Szenenfolge berührt in der Diskrepanz von ritualisierten Gesten der Männlichkeit und der ungelenken Hilflosigkeit, sobald der Rahmen der Bühne fort ist.

Hier liegt ein Schlüsselwerk vor, ein Bild für die gesamte Ausstellung. Weniger die Geste als theatralische Möglichkeit wird thematisiert als die Sehnsucht, den Erwartungen und Konventionen endlich den Rücken zu kehren, um zu sich selbst zu finden. Vielleicht fehlte es bloss am Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Wie in «Travelling Eye». Die Kunst macht einen Anfang.

Bis 10.2. Palace, Di–So 15–21 Uhr, Führungen täglich 18 Uhr; Podium heute in der Erfreulichen Universität: Wie äussert sich Männlichkeit?

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