«Manche Kunden behandeln mich wie Abfall»: Neues Buch gibt Schweizer Prostituierten eine Stimme

Journalistin Aline Wüst wollte die Schweizer Prostitution verstehen und hat mit rund hundert Frauen geredet - und verschiedenen Freiern. Die Aussagen sind schockierend ehrlich.

Sabine Kuster
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Im Buch «Piff, Paff, Puff» erzählen Prostituierte ihre Geschichten. Das liest sich verstörend süffig. Glücklich macht die Lektüre nicht.

Im Buch «Piff, Paff, Puff» erzählen Prostituierte ihre Geschichten. Das liest sich verstörend süffig. Glücklich macht die Lektüre nicht.

Bild: Shutterstock

Zum Beispiel Emma. Sie ist 23 Jahre alt, aus Rumänien und arbeitet seit einem Jahr als Prostituierte in der Schweiz:

«Viele meiner Kunden respektieren mich. Aber es gibt auch solche, die mich benutzen wie einen Gegenstand. Wie eine Hure, nicht wie ein Mädchen. Sie behandeln mich wie Abfall. Sagen zu mir: Shut up und tu, was ich dir sage. Sie denken dann, sie sind in einem Pornofilm. Sie benutzen schmutzige Wörter, reissen mich an den Haaren, packen mich ganz fest, spucken mich an, stecken ihren Finger in mich rein, spritzen in mein Gesicht. Du brauchst schon einen starken Charakter, um diesen Job zu bewältigen.»

Emma erzählt Aline Wüst ihre Geschichte an einem der vielen Abende, welche die 34-jährige Journalistin in den vergangenen zwei Jahren in Bordellen der Schweiz verbracht hat. Entstanden ist daraus das Buch «Piff, Paff, Puff. Prostitution in der Schweiz». Was die Frauen erzählen, ist persönlich und verstörend süffig. Nach den ersten 25 Seiten hat man das Gefühl, genug zu wissen, und kann doch nicht aufhören. Emma erzählt weiter:

«In der ersten Zeit hier war ich so verletzt. Abends lag ich im Bett und wollte nicht, dass jemand sieht, dass ich zerbrochen bin. Also habe ich die einzelnen Stücke von mir eingesammelt und mich wieder zusammengesetzt. Um dann das Beste aus dem nächsten Tag zu machen. Denn entweder du schaffst das oder du verlierst alles. Ich wurde stärker und ich bin stolz auf mich. Ich kann das. Ich rede oft mit mir selber und sage mir, dass ich eine wunderbare Person bin.»

Aline Wüst, Autorin und Journalistin.

Aline Wüst, Autorin und Journalistin.

(Bild: Tom Haller)

Mit dem Thema in Berührung kam die Autorin auf einer Weltreise. Aline Wüst, aufgewachsen im Aargauer Wynental und heute Reporterin beim «SonntagsBlick», begegnete Prostituierten in Senegal und Kolumbien. Sie sagt: «Ich wollte verstehen.» Sie redete mit rund hundert Prostituierten. Zudem mit Bordellbesitzerinnen, Freiern, einem Beamten, einem Polizisten, einem Psychologen, einer Gynäkologin. Sie befreundete sich mit einer Frau und reiste mit ihr nach Bulgarien zu ihrem kleinen Sohn. Sie erlebte in Rumänien das Zuhältersystem.

Vom Echtzeit Verlag bekam Wüst vorab eine Zusage, obwohl es ihr erstes Buchprojekt war. Sabrina Hofer vom Verlag sagt, man unterstütze immer wieder junge Journalistinnen und Journalisten bei der Erstveröffentlichung. «Aline Wüsts Schreibstil kannten wir aus den Zeitungen und fanden, dass sie etwas kann.» Man sei sehr glücklich über das Resultat.

Keine Ausnahme: Freund und Zuhälter gleichzeitig

Emma erzählt, die Stadt in Rumänien, aus der sie komme, sei voller Zuhälter. Diese Männer liessen Frauen für sich arbeiten und täten so, als ob sie die Frau lieben. Aber ihr Freund sei anders.

«Er respektiert mich. Wir sind seit vier Jahren ein Paar. Vor etwas mehr als einem Jahr haben wir heftig gestritten. Es ging um Geld. Er brauchte mehr Geld. Er sagte zu mir: Entweder gehst du für mich anschaffen oder ich suche mir eine andere Freundin. Ich ertrug das nicht, der Gedanke, ihn mit einer anderen Frau zu teilen, war zu viel für mich. (...) Also tat ich es, tue es noch immer. Es ist das bisher grösste Opfer, das ich für meinen Freund erbracht habe. Es war nicht mein eigener Wille, mich zu prostituieren. Seine Mutter half mir. Sie kannte dieses Bordell. So kam ich in die Schweiz. Die Kollegen meines Freundes sind alle Zuhälter. Mein Freund ist nicht mein Zuhälter. Er ist nicht so. Ich wollte das tun. Er hat mich nicht gezwungen. Nun leben wir beide vom Geld, das ich hier in der Schweiz verdiene.»

Die Autorin sagt, dass sie, wenn sie abends von diesem einen Bordell zurückgekommen sei, auf dem Weg nach Hause geheult habe. «Ich habe oft erst beim Aussteigen aus dem Zug realisiert, was ich erlebt habe», sagt Wüst. «Prostitution beinhaltet so viele Dinge, die wir heute als Gesellschaft eigentlich nicht mehr tolerieren. Prostitution wird schöngeredet. Das macht mich wütend.»

In den Freiern konnte sie keine Monster sehen

Sie habe aufpassen müssen, dass ihr Männerbild nicht schlecht werde. Doch in den Freiern, mit denen sie sprach, konnte sie keine Monster sehen. Noah, 24, sagt im Buch, bei echten Beziehungen habe er Angst, dass sie scheitern und er die Frau verlassen werde, so wie sein Vater seine Mutter verlassen habe. Er wolle nicht so sein und niemanden verletzten. Deshalb gehe er ins Puff. «Ich bin gern dominant im Bett. Mit Prostituierten bin ich noch ein bisschen dominanter – an den Haaren packen, bisschen würgen.»

Am Strassenstrich in Olten setzte sich Wüst zu zwei mittelalterlichen Männern und schrieb auf. Roland: «Die meisten haben keine Lust und nur Geld im Kopf.» Hans: «Ich muss ehrlich sagen, die Gefühle einer Frau verlieren sich, also sexuell. Sie sind praktisch, wie soll ich sagen, sie sind hilflos. Es funktioniert schon. Aber man spürt, dass sie gar nicht richtig wollen.»

Von einem anderen Freier stammt der Buchtitel. «Piff, Paff, Puff» ist eine Anlehnung an den Abzählreim. Ein Mann sagte ihn auf, als er sich im Bordell nicht für eine der Frauen entscheiden konnte: «Azellä, Bölle schellä...»

Über längere Zeit bleiben die Frauen nicht gesund

Von Alexander Ott, der die Schweizer Prostitution aus ganz anderer Perspektive kennt, hat die Autorin Hintergründe erfahren: Ott ist Chef der Einwohnerdienste, Migration und Fremdenpolizei der Stadt Bern. Dort muss jede Frau vorbei, die in Bern anschafft. Laut Ott sind rund 95 Prozent aller Frauen Migrantinnen, etwa die Hälfte komme aus Osteuropa.

«50 bis 70 Prozent aller Frauen arbeiten aus unserer Sicht nicht unter offensichtlichem Zwang», sagt Ott. Und doch sagten die meisten, dass sie eine andere Arbeit machen wollten. «Der Grund, weshalb sie in der Schweiz sind, ist also Alternativ- und Perspektivlosigkeit.» Letztlich gehe es bei der Sexarbeit um Armut. «Sexarbeit ist legal. Und wenn es klare Rahmenbedingungen gibt, könne es vielleicht eine Möglichkeit sein, dass diese Frauen wieder auf die Beine kommen.»

Beim zehnten Mal in der Schweiz liess sie alles über sich ergehen

Er findet die Tätigkeit trotzdem sehr prekär. Eine Ungarin traf Ott, als sie das erste Mal überhaupt anschaffen ging. «Sie war tough und wusste genau, was sie macht und was nicht.» Beim zehnten Mal in der Schweiz habe sie alles über sich ergehen lassen. Mit Sicherheit könne er sagen, dass er noch nie eine Frau getroffen habe, die diesen Beruf über längere Zeit ausübte und dabei gesund geblieben sei.

Unter den rumänischen Prostituierten gibt es viele Roma-Frauen. Ihnen sagten manchmal auch die männlichen Familienmitglieder: Du bist jetzt alt genug, geh in die Schweiz arbeiten und bring Geld heim. Ott sagt: «Es ist schwierig, den Zwang im Hintergrund zu sehen, wenn die Frauen sagen, sie tun es freiwillig. Denn, oft ist es ein normativer Zwang, den die Frauen selber nicht erkennen: Sie sind jung, haben früh ein Kind, kein Geld.»

Je mehr Frauen vorgestellt werden im Buch, desto deutlicher wird: Die Grenze zwischen normaler Prostitution und Zwangsprostitution ist fliessend. Und die Aussagen über den Job erschüttern. Wie Roxys Antwort auf die Frage, ob sie die Zeit in der Schweiz vergessen werde. Die 30-jährige Rumänin sagt:

«Schau, wenn du dir einmal das Bein brichst, vergisst du das auch nicht. Auch wenn du von aussen nichts mehr siehst. Du vergisst es nie. Ich mache das nicht gern. Ich hasse es. Manche Männer denken, nur weil sie bezahlt haben, gehört ihnen mein Körper und sie können mit mir machen, was sie wollen. (...) Mittlerweile bin ich mir das gewohnt. – Obwohl, eigentlich bin ich nicht bloss Fleisch. Ich bin auch ein Mensch.»

Wär’s ohne Tabuisierung ein besserer Beruf?

Wo sind denn jene Frauen, die sonst in den Medien kommen und sagen, es sei ein Beruf wie jeder andere, sie machten es gerne, und man müsse Prostitution bloss enttabuisieren? Im Buch entspricht nur Manuela, eine 23-jährige Deutsche, in etwa diesem Bild. Hat die Autorin die anderen weggelassen? Aline Wüst sagt: «Ich habe solche Frauen nirgends angetroffen. Wahrscheinlich müsste man sie ganz bewusst suchen. Mein Ziel war es, die Realität der Mehrheit der Frauen in der Prostitution abzubilden. Manuela ist die Ausnahme. Und sie arbeitete erst seit drei Wochen als Prostituierte.»

Zora, eine Schweizerin, aufgewachsen als Waisenkind, heute 57, war keine Zwangsprostituierte. Und doch sagt sie:

«Klar ist das Stigma in diesem Beruf eine Hürde. Aber auch wenn Prostituierte genauso angesehen wären wie Verkäuferinnen, glaube ich, tief im Innern wäre es ein genauso grosses Problem. Geschlechtsverkehr ist nicht nichts. Das ist richtig intim. (...) Bei Mireille zu arbeiten, war eigentlich ganz gut, und mir ging es auch gut. Obwohl, wir nahmen meist Drogen. Weil, das kannst du gar nicht machen ohne Drogen.»

Im Buch kommen alternative Modelle nur am Rande vor. Das Schwedische, in dem Freier bestraft werden, oder der Vorschlag, dass nur Frauen ab 30 Jahren, wenn sie psychisch unabhängiger sind, sich prostituieren dürfen. Wüst hat in dem Sinn kein politisches Buch geschrieben. Aber es ist es natürlich trotzdem. Sie selber findet: «Es ist nicht meine Aufgabe, die Lösung zu finden. Aber ich will, dass sich die Leute eine Meinung bilden und die Prostitution nicht weiter verdrängen.»

Aline Wüst Piff, Paff, Puff. Prostitution in der Schweiz, 168 Seiten, 29 Franken. Echtzeit Verlag. Vernissage und Diskussion: 21. Aug., Kosmos Zürich.