Magische Mathematik

Die letzte grosse Ausstellung von Max Bill fand 1983 im Helmhaus in Zürich statt. Jetzt bietet seine Geburtsstadt Winterthur in zwei Häusern Gelegenheit, Bill als künstlerischen Universalmenschen zu entdecken.

Ursula Badrutt Schoch
Drucken
Teilen
Farblust, Formstrenge: Max Bill: «1 bis 7 um horizontale teilung», 1960–69, Öl auf Leinwand. (Bild: Kunstmuseum Winterthur, (c) Pro Litteris)

Farblust, Formstrenge: Max Bill: «1 bis 7 um horizontale teilung», 1960–69, Öl auf Leinwand. (Bild: Kunstmuseum Winterthur, (c) Pro Litteris)

Sperrig ist sein Werk bis heute geblieben. Man mag die mathematische Klarheit lieben. Oder auch nicht. Die harten Kanten können wehtun. Oder eine Wohltat sein in einer Welt voll Ungewissheit. Die Möbiusschlaufe oder Kugelplastik im Park wirkt zwar etwas antiquiert – doch gerade das Sperrige macht Staunen. Genauso wie die vielen Aspekte im Werk von Max Bill, die erst allmählich als bis heute gültig erkannt werden.

Die Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur beginnt mit den ersten Werken, die nach Bills Rückkehr vom Bauhaus in Dessau in Zürich entstanden sind. Ans Bauhaus drängte es ihn, um Architekt zu werden, nachdem er die Lehre als Silberschmied abgebrochen und das Schaffen von Le Corbusier entdeckt hatte. Als Schüler von Joseph Albers, Moholy-Nagy, Oskar Schlemmer, Kandinsky und Klee beginnt Max Bill intensiv zu malen. Gleichzeitig beteiligt er sich an Architekturwettbewerben. Das Studium in Dessau bricht er vorzeitig ab.

Anfänge und Umstände

An dieser Stelle setzt die Winterthurer Ausstellung ein, nicht ohne aus den Sammlungsbeständen in den Museumsräumen sinnig die Referenzen Bills zu präsentieren. Arbeiten wie «räumliche komposition nr. 4» von 1928 aus der Sammlung von Theo und Elsa Hotz lassen die aus der Dingwelt entlehnten Gegenstände noch deutlich erkennen. Doch sind der Tisch und die Vase ganz in die Fläche gearbeitet und scheinen das später erarbeitete System der Module vorwegzunehmen.

Bald tritt die Malerei in den Hintergrund. Nach der Begegnung mit dem niederländischen Künstler und Architekten Georges Vantongerloo 1933 entstehen erste Plastiken. Dass Vantongerloos Werk in jüngster Zeit eine Wiederentdeckung erfährt und von jungen Künstlern beachtet wird, ist für eine mögliche Neubewertung von Bills Schaffen wesentlich.

Komplexes aus Modulen

Die Plastiken der 30er-Jahre bestehen aus einzelnen, in den Raum wachsenden Modulen wie etwa «konstruktion in messing» von 1939. Mit Kriegsbeginn und der Zerstörung seiner ersten Skulptur im öffentlichen Raum zieht sich Bill erneut in die Malerei zurück. In Wort und Bild entwickelt er nun die Klärung des Begriffs «konkrete kunst» und «konkrete gestaltung». 1944 konzipiert er die gleichnamige Ausstellung im Kunstmuseum Basel. Auch dies ein wichtiges Betätigungsfeld des Mannes, der keine seiner Ausbildungen abgeschlossen hatte.

«ich bin der auffassung, es sei möglich, eine kunst weitgehend auf grund einer mathematischen denkweise zu entwickeln», schreibt Max Bill 1949. Darin nähert er die Kunst und die exakte Wissenschaft einander an, ein Bündnis, das seit der Renaissance auftaucht. Es entstehen Malereien aus mathematisch aufgebauten Form- und Farbelementen. Die Variationen und Entwicklung zur Reduktion lassen sich über die weiteren Räume des Museums gut verfolgen.

Aus einfachen Flächen formt Bill durch Aufschneiden und Biegen komplexe Gebilde als gedanklichen Übergang von der Fläche in den Raum. Die Differenz zwischen einfachem Aufbau aus übersichtlichen, erklärbaren Berechnungen und der komplexen Wirkung gehört zu den Grundzügen jeder einzelnen Arbeit. Die Vielfalt und der Farb- und Formenreichtum grenzt an Magie.

Umfassende Präsentationen

Ein Haus genügt nicht, Max Bill gerecht zu werden. Während im Kunstmuseum Skulptur und Malerei in chronologischer Ordnung zu sehen ist, zeigt das nahe gelegene Gewerbemuseum Max Bill als Grafiker, Buchgestalter, Architekten, Industriedesigner, Möbelgestalter. Das Haus Konstruktiv in Zürich wird zudem Ende Jahr zum eigentlichen Geburtstag am 22. Dezember nachziehen.

Die Aufteilung macht nicht nur aus Platzgründen Sinn. Sie entspricht auch Bills Überzeugung, den einzelnen Sparten ihren spezifischen Raum zu wahren. Er unterschied zwischen praktischen Gebrauchsdingen und «gegenständen für den geistigen gebrauch». Von der unter Sparzwängen entwickelten Hochschule für Gestaltung in Ulm (1950-55), dem Hauptwerk des Architekten Bill, über Buchgestaltungen, die Lavoitobelbrücke bei Tamins (1965) bis zu Vasen, Tischen und Kleiderbügeln sind in grosser Dichte Bills Betätigungsfelder vereint.

Die einfache Gestaltung der Gebrauchsgegenstände, vorgesehen für billige Serienproduktionen, sah Bill, der Sohn des Winterthurer Stationsvorstandes, als Beitrag zur Verbesserung der Welt und gegen den Wahnsinn des Kriegs. Kommt hinzu, dass er seine Überzeugungen brillant zu formulieren wusste. Zum optischen Umgang mit dem Werk gehört bei Bill zwingend das geschriebene Wort.

Bis 12. Mai, Kunstmuseum Winterthur, Di 10–20, Mi–So 10–17 Uhr; Gewerbemuseum Winterthur Di–So 10–17 Uhr. Publikationen: Max Bill: Aspekte seines Werks, Niggli Verlag; Max Bill: Funktion und Funktionalismus, Schriften 1945–1988, Benteli Verlag

Aktuelle Nachrichten