Märchendämmerung

Die Tinte der deutschen Autorin Cornelia Funke fliesst wieder: Der Auftaktband «Steinernes Fleisch» schöpft aus Grimms Märchen jede Menge Horrormomente.

Bettina Kugler
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Die Hysterie der Leser hielt sich, im Vergleich zur Pottermania, in Grenzen: keine Übernachtungen und Kostümfeste vor den Buchhandlungen, keine Vorbestellungen im Internet, kein medial inszenierter Suspense lange vor dem Erscheinen von Cornelia Funkes neuem Roman «Steinernes Fleisch», mit der die Autorin der erfolgreichen «Tintenherz»-Trilogie eine neue Fantasy-Reihe eröffnet.

Doch das Medienecho zum Erstverkaufstag war beachtlich: Das Buch erschien zeitgleich in mehreren Sprachen, seine Vorgänger erreichten international Millionenauflagen, und mit Co-Autor Lionel Wigram ist eine aufwendige Verfilmung made in Hollywood nur eine Frage der Zeit. Zwischen den Zeilen sind die Spezialeffekte mit Händen zu greifen.

Zauberwelt hinter Spiegeln

Diesmal hat die Fantasy-Queen aus Westfalen, Erfinderin der Mädchenserie «Die wilden Hühner» und mit Longsellern wie «Herr der Diebe» und «Drachenreiter» eine feste Grösse im Kinder- und Jugendbuchsegment, sich die Märchen der Brüder Grimm vorgenommen und in eine Zauberwelt hinter den Spiegeln eingebettet; wieder ist das Ganze als Mehrteiler angelegt.

Reiche im Krieg

Ausgangspunkt der potenziell ins Unendliche schweifenden Geschichte ist eine Wohnung in New York City; im Mittelpunkt steht das Brüderpaar Jacob und Will, nicht Grimm, sondern «Reckless», wie die gesamte Romanreihe heisst – und so müssen sie auch ihre Abenteuer auf der anderen Seite des Spiegels bestehen: tapfer und todesmutig.

Einmal mehr stehen sich zwei Reiche im Krieg gegenüber: hier die Menschen unter einer frei erfundenen historischen Kaiserin Therese von Austrien, dort die «Goyls» – menschenähnliche Wesen, deren Fleisch aus Halbedelsteinen wie Jaspis und Amethyst, Onyx und Mondstein. Will, gegen den Willen seines Bruders in die Spiegelwelt geraten, steht im Bann einer abgrundtief bösen Fee und ist im Begriff, zu versteinern: Hier setzt das Abenteuer ein und nimmt fortan 1001 Umweg über Tischleindeckdich

und honigtriefende Knusperhexenhäuser, auf dass es einen, der auszieht, das Fürchten zu lernen, gleich auf den ersten Seiten gehörig gruselt.

Das liegt aber nicht nur an Schreckenswesen wie der Fee oder dem durch den Hexenwald klappernden Schneider (der Kleider aus Menschenhaut schneidert), sondern leider auch an Cornelia Funkes übel raunender Erzählweise und ihren überbordenden Sprachbildern: Klischees über Klischees, die ziemlich angestrengt und formelhaft herbeigezaubert wirken.

Kein Vergleich mit dem schlicht wirkenden, dabei so makellosen Duktus eines Michael Ende! Dass die Autorin kürzlich im «Time Magazine» zu den hundert weltweit einflussreichsten Personen gezählt wurde, als einzige Deutsche übrigens, gibt jedenfalls mehr zu denken über Zeitgeist und globales literarisches Niveau als die Märchenwesen, die Funke in «Reckless» zu neuem Leben erweckt hat.

Cornelia Funke: Reckless. Steinernes Fleisch. Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2010, Fr. 29.90