Machtspiele

Freitagnacht, Cliquen, Clans und Whisky: Unterwegs zwischen Marktplatz, Bahnhof und Tankstelle in St. Gallen.

Stefanie Schnelli
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Jugendliche im Park bei der St. Mangen-Kirche. Alkohol gehört im Ausgang dazu. (Bild: Urs Jaudas)

Jugendliche im Park bei der St. Mangen-Kirche. Alkohol gehört im Ausgang dazu. (Bild: Urs Jaudas)

Manchmal nützt nur wegrennen. Aber Yannick rennt nie weg. Obwohl er regelmässig «drankommt», wie er sagt. Immer von den gleichen Tätern. Zu stolz? «Die erwischen mich sowieso», sagt er. Machen könne er dagegen nichts, er zuckt nur mit den Schultern. «Die kommen manchmal zu fünft, wenn ich alleine bin.» Jetzt ist der 18-Jährige mit seinen Freunden unterwegs. Sie stehen zwischen Waaghaus und Postgebäude in St. Gallen. Man grüsst sich, pöbelt, lacht. Die jungen Männer und ein paar Frauen füllen die Gasse mit Lärm.

Ja, Gewalt gehöre für sie zum Alltag. Nicht, weil sie sie suchen, aber weil sie sich verteidigen müssten.

Die meisten von ihnen waren schon in Schlägereien verwickelt. Messer seien keine Seltenheit. «Gewalt ist keine Lösung. Aber manchmal geht es nicht anders», sagt Pascal (19). Verbal lasse sich eine Prügelei nur selten verhindern. «Die schlagen zum Spass.» Die, das sind die anderen, die Schlägertypen. Man sehe es ihnen an, an der Gangart, ihrer Erscheinung, höre es an ihrer Sprache.

Die Gasse wird eng

Es ist ein Kommen und Gehen. Einige wollen weiter, wohin, ist noch nicht klar. Mike bleibt mit Yannick. Er ist 15, wirkt aber älter. Auch er hat schon geschlagen, um seinen Freunden zu helfen. «Die Polizei macht nichts. Sie greift viel zu selten ein.» Dann wird er ruhig. Die beiden beobachten eine Gruppe Männer, die näherkommt. Sie sind älter, haben kurzrasierte Haare. Die Gasse wirkt plötzlich eng. Man nimmt voneinander Notiz. Nur mit den Augen verfolgen die Jugendlichen die Gruppe.

Keine Kopfbewegung, bis sie weg sind. «Wenn die es auf dich abgesehen haben, brauchst du viele Kollegen», sagt Mike.

Massenschlägereien

Auf dem Marktplatz versammeln sich Leute, viele Jugendliche. «Es wird getrunken, ein bisschen geflirtet, die Leute treffen sich», fasst Eliah (17) zusammen. Er ist alleine, lacht viel, wenn er spricht. Angst hat er nicht. «Ich kenne viele Leute, auch bekannte Schläger. Darum werde ich in Ruhe gelassen.» In St. Gallen zähle die Gruppe.

Wenn es Probleme gebe, seien sofort zehn Personen oder mehr da, dann komme es zu Massenschlägereien.

Ein paar junge Männer stossen, brüsten, provozieren sich. «Normal», sagt ein junger Mann. «Machtspiele», quittieren Tina und Laura, beide 18 Jahre alt. Schlägereien seien weniger ein Problem für Frauen als für Männer. «Man hört viel», sagen sie. Laura hat darum zur Sicherheit einen Pfefferspray bei sich. Ihnen falle auf, dass vor allem Ausländer in Schlägereien verwickelt seien.

Viele der angesprochenen Jugendlichen kommen auf Ausländer zu sprechen. Doch in den meisten Cliquen ist mindestens eine Person mit Migrationshintergrund anwesend. Man könne nicht verallgemeinern, heisst es. Salvatore (18) sieht das Problem eher beim Alkoholkonsum. «Das Thema wird aber auch von den Medien gepusht, die meisten Jugendlichen sind vernünftig.» Er selbst habe bisher alle Konflikte mit Worten lösen können.

Daran glauben Kevin (18) und Marco (17) nicht mehr. «Man kann sich nicht alles gefallen lassen und sich diesen Typen immer anpassen.» Sie würden keine Plätze meiden in der Stadt, nur weil diese bekannt seien für Probleme.

Opfer oder Trinkkollege?

Als ein solcher gilt die Umgebung der 24-Stunden-Tankstelle. Dort sitzen Florine (18) und Joëlle (19) im Park. Einer ihrer Begleiter hat eine frisch genähte Narbe am Auge. «Eine Platzwunde», er gehe Schlägereien eigentlich aus dem Weg.

Sie seien nicht aggressiv, sagt auch ein anderer Anwesender. Dennoch wurde er bereits wegen leichter Körperverletzung angezeigt. «Ich habe nicht angefangen.»

Eine Stunde später wird er zufällig beobachtet, wie er einen Passanten mit der üblichen Anrede provoziert: «Was schaust Du so blöd?» Darauf angesprochen, lacht er. Das Wiedersehen scheint ihn zu freuen. «Das war nicht ernst», sagt er nur. Er nimmt den Mann in den Arm und bietet ihm einen Schluck Whisky an.