Vogelzug

Macht der milde November die Vögel konfus?

Nach dem Oktober ist nun im Mittel auch der November zu warm. Spiegelt sich das womöglich am Himmel: Werden die Zugvögel konfus? Tatsächlich beobachten Kenner Merkwürdiges, besonders in diesem Jahr.

Max dohner
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Schon beim Aufschwirren stellen sie jede Patrouille Suisse, jede Frecce Tricolori tausendfach in den Schatten: Die Abschiedsshow der Stare am Himmel, ästhetisch unübertroffen. foto: key

Schon beim Aufschwirren stellen sie jede Patrouille Suisse, jede Frecce Tricolori tausendfach in den Schatten: Die Abschiedsshow der Stare am Himmel, ästhetisch unübertroffen. foto: key

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Spaziert Bauer Franz Hagenbuch in Rottenschwil AG während einer freien Minute über Feld, fragt er sich schon: «Was tun die Störche noch hier?» Einige sind gegangen, andere nicht. Noch blühen Margritli, Kornrade, Wegwarte und Söiblueme. Hagenbuch hält sich das Datum vor Augen und sagt: «Jetzt hört alles auf.»

In Füllinsdorf BL wundert sich hingegen Obstbauer Felix Haumüller, wie das Wachsen eben nicht aufhört. Seine blassroten November-Erdbeeren schafften es bis in die «Tagesschau». Man könnte auch das «Paradiesli» besuchen, in Betlis SG am Walensee. Dort wachsen Palmen, Kiwi und Feigen, dank der Abwärme vom Fels. Wirtin Regula Basler ist sich quasi-mediterranes Klima gewohnt. Aber so spät noch Fenchel und Salat im Garten zu ernten, sei schon speziell. Die Milde geniesst draussen auch ein Paradiesvogel – ein Pfau.

Ach, die Vögel! Es ist ihnen zweifellos wohler, denkt der Laie, im anhaltenden Sonnenschein. Denkt der Vogel an den strapaziösen Zug nach Süden, denkt der Laie, so denkt der Vogel bestimmt: Was soll ich wieder Tausende von Kilometern fliegen? Ich vertrau dem Klimawandel, vertrau mal der Wärme und lass heuer die beschwerliche Reise bleiben.

Dreimal im Leben zum Mond

Nun – das Vogelhirn ist eine taube Nuss. Der Vogel denkt nix, ihn treibt nur Instinkt. Aus Instinkt fliegt er los; der Teufel weiss, wie er sich orientiert. So denkt der Mensch, ein Bodenkriecher, Imperatör im Lehm und Dreck, und wäre doch so gern auch King in der Luft. Darum sind Vögel zwar putzig, aber doof.

Woher wissen wir das so genau – das mit dem Instinkt? Warum denken wir, Vögel wüssten nicht, was sie tun? Was sich über unser Verhältnis zu den Vögeln sagen lässt, zu den Tieren generell, hat der alte Instetten in «Effi Briest» gesagt: «Das mit der Kreatur ... das ist ein weites Feld.» Weniger Verachtung, mehr Staunen wäre am Platz.

Blaumeise Seit zwei Jahren wird der neue Brutvogelatlas der Vogelwarte Sempach erarbeitet. Heute informiert die Stiftung über erste Gewinner. So habe beispielsweise die Blaumeise seit dem letzten Atlas (1993–1996) stark zugenommen. In einigen Alpentälern breite sich die Blaumeise ausserdem in immer höhere Lagen aus. Die Tendenz, stetig weiter oben zu brüten, sei auch bei anderen Arten zu beobachten und «dürfte eine Folge des Klimawandels sein», heisst es in der Mitteilung.
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Kranich Ausziehen nach Süden ist das eine. Es gibt aber auch Durchzieher. Davon seien einige dieses Jahr zwei Wochen verspätet gewesen, sagt Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach. Zum Beispiel der Kranich. Kraniche folgen schmalen Zugstrassen; in der Schweiz sind die Vögel jeweils in kleiner Zahl zu bewundern. Grosse Kranichscharen finden sich vor dem Abzug ins Winterquartier an Sammelplätzen an der Ostseeküste ein – auch ein begeisterndes Naturschauspiel.
Kornweihe Kornweihen sind Bewohner offener Landschaften. Bei uns ist der Greifvogel vorab im Winterhalbjahr zu bewundern, heuer aber noch nicht eingetroffen, sagt Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach. Deren Homepage beschreibt den Suchflug des Vogels nach Nahrung als «gaukelnd, mit V-förmig gehaltenen Flügeln». Liege längere Zeit eine geschlossene Schneedecke, sei die Nahrungssuche erschwert. Dann ziehen viele Wintergäste weiter südwärts.
Sturmmöwe Sturmmöwen sind in den letzten Jahrzehnten im Winter zu einer vertrauten Erscheinung an unseren Gewässern geworden, gerade in Quai- und Hafenanlagen. Lachmöwen werden das bedauern bis hassen. Sturmmöwen sind grösser und kräftiger als Lachmöwen und setzen sich darum meistens durch gegen die Kleinen – bei Verfolgungsjagden um Nahrungsbrocken (Würmer, Fische, Insekten, Früchte, Aas, Abfall) und bei Auseinandersetzungen um die besten Ruheplätze (mad.)
Schellente Klassische Wintergäste in der Schweiz fehlen häufiger, vor allem Wasservögel. Wenn ihre heimischen Gewässer nicht zufrieren – wozu sollen sie aufbrechen? Ein häufiger Durchzügler und Wintergast ist die Schellente. Sie verdankt ihren Namen dem pfeifenden und wie ein Klingeln («Schellen») tönenden Fluggeräusch. Die Männchen werfen bei der Balz den Kopf auf den Rücken. Manchmal treten sie dabei mit beiden Beinen gleichzeitig so heftig nach, dass das Wasser spritzt.

Blaumeise Seit zwei Jahren wird der neue Brutvogelatlas der Vogelwarte Sempach erarbeitet. Heute informiert die Stiftung über erste Gewinner. So habe beispielsweise die Blaumeise seit dem letzten Atlas (1993–1996) stark zugenommen. In einigen Alpentälern breite sich die Blaumeise ausserdem in immer höhere Lagen aus. Die Tendenz, stetig weiter oben zu brüten, sei auch bei anderen Arten zu beobachten und «dürfte eine Folge des Klimawandels sein», heisst es in der Mitteilung.

Getty Images/iStockphoto

Unglaublich, wie weit der Vogelzug manchmal geht! Der Mauersegler schläft im Flug, paart sich wohl sogar im Flug. Das verrückteste Huhn ist wohl die Küstenseeschwalbe. Ihr Weg führt schlicht von der Arktis in die Antarktis. Zwischen Brut- und Überwinterungsgebiet liegen 18 000 Kilometer. Einige Vögel werden dreissig Jahre alt. Sie legen in der Zeit etwa eine Million Kilometer zurück; rund dreimal die Distanz zwischen Erde und Mond! Und da soll sich nicht auch im Köpfchen eines Zugvogels der Gedanke einnisten, auf eine solche Monstertour auch mal zu verzichten, zumal wenn der Herbst so warm ist wie jetzt?

Der herbstliche Vogelzug neigt sich dem Ende zu. Forschende der Vogelwarte Sempach haben knapp 20 000 Zugvögel von insgesamt 88 Arten beringt, vermessen und danach wieder freigelassen. Seit 1958 erforscht die Vogelwarte den Vogelzug am Col de Bretolet mit Unterstützung durch zahlreiche Freiwillige – eine lange Datenreihe.

Dank ihr konnte die Vogelwarte zeigen, dass sich der «Fahrplan» des Herbstzugs bei einigen Arten im Lauf der letzten zwanzig Jahre verändert hat – «zweifellos eine Folge des Klimawandels», schreibt die Stiftung. Vögel, die im Mittelmeerraum überwintern, bleiben länger bei uns und ziehen später über die Alpen. Arten, die den Winter südlich der Sahara verbringen, ziehen hingegen früher weg. So können sie Dürreperioden in der Sahelzone ausweichen.

Wie ist es aber jetzt, Herbst 2014? Gibt es da etwas Besonderes?

Michael Schaad von der Vogelwarte Sempach sagt: «Jene Vögel, die hier brüten, sind recht pünktlich unterwegs. Aber ...» Es fehlen zum Beispiel noch einige klassische Wintergäste. Dazu sind gewisse Durchzieher verspätet (Namen und Eigenheiten solcher Vögel siehe rechts).

Stare sind noch viele da

Bemerkenswert ist ein Vogel, dessen spektakuläre Flugshows zu den absoluten Naturwundern gehören. Schöner, atemberaubender noch als Nordlichter. Das sind die Kunststaffeln der Stare, ihre kollektiven Wellenbilder am Himmel. Viel ist die Rede von der Schwarmintelligenz. Stare verkörpern Schwarmschönheit. Wie die Menge der Vögel diese Bewegung, diese Skulpturen am Himmel koordiniert, ist ein Rätsel. Mit dem Spatzenhirn des Menschen jedenfalls nicht zu fassen.

Diesen Herbst nun, sagt Schaad, seien «noch relativ viele Stare da». Als könnten sie sich wegen der Wärme nicht zum Aufbruch entschliessen. Womit auch ihre Flugshows dahinfallen, die schon beim ersten Aufschwirren jede Patrouille Suisse, jede Frecce Tricolori tausendfach in den Schatten stellt. «Vögel ziehen dann los», sagt Schaad nüchtern, «wenn sie hier keine Nahrung mehr finden.» Aber des Festes wegen, das u.a. Stare dabei veranstalten – auch dafür ist Schaad Ornithologe.