Lynne kocht mit Jack

Whiskey-Gerichte Lynne Tolley kocht zu Hause am liebsten mit dem Schnaps ihres Urgrossonkels Jack Daniel. Kein Wunder, denn ausschenken darf sie ihn nicht.

Roger Berhalter
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Whiskey-Expertin Lynne Tolley macht die Kirschen glücklich. (Bild: pd)

Whiskey-Expertin Lynne Tolley macht die Kirschen glücklich. (Bild: pd)

Man könnte Lynne Tolley stundenlang zuhören. So wie sie im breitesten Südstaaten-Englisch mehr singt als spricht, die Silben dehnt und die Worte zum Klingen bringt. Tolley ist nach Zürich gekommen, um ihren Whiskey zu vermarkten und ihn als Kochzutat schmackhaft zu machen. Jetzt steht sie in der Showküche am Gasherd und dünstet Zwiebeln mit Zucker; zur Vorspeise gibt's Spinatsalat mit Randen.

«Let's make this really good», singt sie, ihre Augen werden gross, und sie kippt reichlich Whiskey in die Pfanne.

Brennen im trockenen Land

«Cooking with Jack» heisst eines von Lynne Tolleys Whiskey-Kochbüchern. Die Amerikanerin hat «den Whiskey im Blut», wie es in einem Pressetext heisst. Ihre Grossmutter war die Schwester des Neffen von Jack Daniel, Gründer der gleichnamigen Whiskey-Marke. Das macht Tolley zur Urgrossnichte von Jack Daniel. Kein Wunder, arbeitet sie heute als Testerin für die Schnapsbrennerei in Lynchburg, Tennessee.

Dort führt sie auch ein Restaurant, wo sie ihren Gästen täglich Whiskey-Gerichte serviert. Den Verdauungsschnaps dazu darf sie aber nicht ausschenken. Lynchburg liegt in einem «trockenen Bezirk», wo seit der Prohibition kein Alkohol ausgeschenkt werden darf. Mit anderen Worten: In der Heimat von Jack Daniel's ist Whiskey-Trinken streng verboten, nur dank einer Sonderbewilligung darf die Destillerie produzieren – und in 140 Länder exportieren.

«So lange der Whiskey eine Kochzutat ist, gibt es keine Probleme», sagt Lynne Tolley, und man beginnt zu verstehen, warum die Dame mit Schnaps kocht.

Meeresfrüchte und Pilzgerichte

Es folgt der nächste Gang, in Whiskey gebratene Pouletbrüstli. Tolley lässt das Fleisch brutzeln und erzählt von einem Mann, der einmal in Mexiko seine Zähne mit Jack Daniel's geputzt habe.

Oder von jenem Kunden, der den Whiskey in eine Sprühflasche abfülle und damit Glace und Brownies bespraye. «Wir sind sehr kreativ, wenn es darum geht, Jack Daniel's zu konsumieren», sagt Tolley. Jedes Gericht pimpt sie mit ihrem Lieblingswhiskey, so hat man zumindest den Eindruck. In der Küche benutzt sie ihn für Barbecue-Saucen, Meeresfrüchte, Pilzgerichte, Entenfleisch, Schokoladencrème, Ahornsirup, Bohnen, Nüsse und mehr (siehe Kasten). «In Lynchburg we use it as vanilla», sagt sie.

Tatsächlich riecht und schmeckt der Whiskey stark nach Vanille. Neben dem Inhalt kann Tolley in der Küche auch die Flasche selber gut gebrauchen – um Fleisch dünn zu klopfen.

Das Beste zum Schluss

Zum Dessert gibt's «Jack's Happy Cherries»: Kirschen aus der Dose mit Biskuit-Küchlein und Vanilleglace. Tolley probiert die dampfenden Früchte und urteilt: «It needs a little more Jack.

» Sie giesst kräftig nach, mittlerweile ist die Flasche halbleer.

Dann werden die Teller weggeräumt und Gläser aufgetischt, eine Whiskey-Degustation steht auf dem Programm. Tolley stellt sich hinter drei verschiedene Flaschen und blickt mit grossen Augen in die Runde. Es scheint, als geniesse sie es, einmal nicht nur kochen, sondern auch ausschenken zu dürfen: «Jetzt kommen wir zum guten Zeug.»