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So lange sie unheilbar war, liebten Literatur und Oper Tuberkulose als schaurig schönes Thema

Schwindsucht – so nannte man die Krankheit im 19. Jahrhundert. Und weil deren Ursache bis 1882 unklar war, beflügelte sie die Fantasie vieler Künstler, darunter Thomas Mann und Giuseppe Verdi.
Anna Kardos
Tuberkulose-Patienten bei der Saez Schurer Liegekur. (Bild: Dokumentationsbibliothek Davos)

Tuberkulose-Patienten bei der Saez Schurer Liegekur. (Bild: Dokumentationsbibliothek Davos)

Sie starben in Scharen. Angefangen mit Verdis Violetta, gefolgt von Puccinis Mimì, bis hin zu Thomas Manns Madame Chauchat – die Rede ist von den Protagonistinnen und Protagonisten in den Romanen und Opern des 19. Jahrhunderts.

Die Ursache? Schwindsucht – so nannte man die Tuberkulose damals mit geflügelten Worten. Und weil deren Ursache bis 1882 unklar war, beflügelte sie auch die Fantasie vieler Künstler. Liessen sich die Blässe, die glühenden Wangen und der fiebrige Blick nicht romantisierend umdeuten zu einem leidenschaftlichen Verglühen vor der Zeit? So wurde die Krankheit zu einem Motor von Literatur und Musik.

Schriftsteller wie Schiller, Novalis, Tschechow erlagen dem Lungenleiden selber. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts war jeder Zweite in Europa mit Tuberkulose infiziert, die Krankheit verlief bei jedem Siebten tödlich. Manche, wie der Maler Edvard Munch, bangten ein Leben lang vor ihr. Er hatte als Zehnjähriger seine Mutter sterben sehen. Seine eigene Ansteckung bezweifelte niemand, und so halten einige von Munchs Bildern die Krankheit in ihrer beklemmenden Tragik fest.

Aber es ging auch ästhetisierter, wie in vielen Opern zu sehen – und zu hören. Da in diesem Genre schon immer rege und leidenschaftlich gestorben wurde, entwickelte sich die Tuberkulose hier zum idealen Gefäss für Unausgesprochenes. Man konnte also umständlich erklären, dass eine Figur jung, fragil, sensibel und leidenschaftlich war. Oder man sagte einfach: schwindsüchtig. Und damit nicht genug. Wenn Kurtisane Violetta ihre Liebe für eine ehrbare Zukunft ihres Geliebten opfert, wird sie erst durch die Krankheit zur tragischen Figur, für die es kein Zurück gibt. Ihr Liebes-Opfer wird zum Lebens-Opfer.

Dass Liebe und Tod in den Künsten gern Hand in Hand gehen, ist an sich nicht neu. Doch die Tuberkulose konnte mehr. Etwa für aussergewöhnliche Sensibilität und einen Hang zum Künstlerischen stehen. Etwa wenn Puccinis Bohèmienne Mimì bibbert, und ihre Künstlerfreude für ein paar Grad Wärme die eigenen Manuskripte verfeuern. Da ringen Kunst und Existenz den Kampf um Leben und Tod. Und es gehört zum guten Ton der Oper, dass Mimì ihrem Leiden erliegt.

Selbst wenn die Tuberkulose eine Figur nicht durch frühzeitigen Tod zur tragischen Heldin verklärte, hatte sie andere Qualitäten. Sogar ziemlich pragmatische: «Krankheit ist doch gewissermassen etwas Ehrwürdiges», befindet Hans Castorp. Deshalb gibt sich der Protagonist in Thomas Manns «Zauberberg» erdenkliche Mühe, seiner ziemlich uneindeutigen Diagnose zusätzliches Gewicht zu verleihen.

Denn: «Leichtkranke galten nicht viel (…). Man sprach mit Geringschätzung von ihnen, nach dem hierorts geltenden Massstab (…). Da aber alles so lag, war es begreiflich, dass man dazu neigte, aus seinem Falle das mögliche zu machen und in Hinsicht auf ihn auch wohl zu übertreiben, um zur Aristokratie zu gehören.»

Denn die Krankheit konnte für Betroffene nicht nur zum Schicksalsschlag, sondern genauso zum Adelsschlag werden: Dreimal täglich zwei Stunden liegen an der Sonne, ein reichhaltiges Frühstück, zu Mittag ein Viergangmenü und abends ein Fünfgänger gehörten im Davoser Sanatorium standardmässig zur Kur. Wer da nicht krank wurde, war selber schuld.

1944 wurde mit Streptomycin ein wirksames Antibiotikum gegen die Schwindsucht gefunden. Und plötzlich waren auch Literatur wie Oper kuriert vom ihnen eigenen Hang zur Schwindsucht.

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