Wetter
Lieber Sommer ...

Der Sommer hat sich mit einem Hitzetag gebührend verabschiedet. Er bescherte uns dieses Jahr auffällig viel Sonne und sorgte für jede Menge Gesprächsstoff. Zeit für einen Abschiedsbrief.

Alexandra Fitz
Alexandra Fitz
Merken
Drucken
Teilen
Lieber Sommer, du warst grossartig!

Lieber Sommer, du warst grossartig!

AZ

Lieber Sommer,

kann das wirklich wahr sein? Du machst Schluss. Haust ab. Gehst fort. Hast genug. Oder glaubst Du vielleicht, ich habe genug von Dir?

Gestern legtest Du noch mal einen grossen Auftritt hin, wolltest richtig auftrumpfen, bevor Du mich verlässt. Schon am Wochenende hast Du all deine guten Karten ausgespielt und Dich von Deiner ganz heissen Seite gezeigt. Wolltest Du mir vielleicht gar einen Sonnenstich verpassen, bevor Du mich im Stich lässt? Es scheint fast, Du lieber Sommer, als wolltest Du noch einmal riesige Wellen schlagen, die auf die Lästermäuler herunter brechen sollen, die ständig gegen Dich hetzen.

Aber lass Dir eins sagen, mein Freund: Das hast Du nicht nötig. Du bist wundervoll. Und einer meiner liebsten Zeitgenossen. Man kann mit Dir wirklich tolle Stunden verbringen. Weisst Du noch, wir beide am See? Wir zwei mit Eis am Stiel in den Gassen der Altstadt? Oder abends auf dem kleinen Balkon?

Ich weiss, Du hast die Jammeris satt. Die Leute, die Dich sehnlichst herbeiwünschen und Dich – kaum bist Du mal richtig in Fahrt – sogleich wieder verwünschen. Die, die Dich am letzten heissen Sommersonntag mit «Jetzt-längets-denn-öppe-mit-dere-Hitz»-Geschwätz verletzen. Es sind ja die Immergleichen, die sich aufregen, wenn Du nicht da bist, und Dich ausbuhen, wenn Du es dann mal wagst, Dir eine Auszeit zu gönnen.

Da sag ich Dir nur: Lass die Leute reden, denn sie reden über jeden. Vor allem über Dich. Und Du weisst, wenn es Dich nicht gäbe, hätten der Smalltalk und somit der Mensch gewaltige Existenzschwierigkeiten.

Und noch mal zu Deiner Flatterhaftigkeit: Kleine Pausen braucht jeder, das verstehen die Nörgler. Aber Du bist halt eben schon sehr eigensinnig. Du kommst und gehst, wann Du willst, mit solch einem Egoismus eckt man eben auch an.

Dieses Mal hast Du es wirklich oft übertrieben, warst gar ein richtiger Hitzkopf. Es schien, als ob Du kein Mittelmass, keine Durchschnittstemperatur kennst. Die Schweiz ist eben nicht die Copacabana. Du kennst die Schweizer, sie haben oft Mühe mit der direkten Art. Du bist, und das musst Du jetzt gar nicht zu negativ auffassen, schon sehr offensiv gewesen. An gewissen Tagen warst Du echt penetrant. Nachts hast Du dann wirklich den Gigolo raushängen lassen und mich nicht schlafen lassen – eigentlich ja ein schönes Gefühl, dass Du rund um die Uhr, 24/7, um mich sein willst. Und dann, plötzlich, von einem Tag auf den anderen zeigst Du mir wieder die kalte Schulter.

Aber lass Dir gesagt sein: Diese Eigenständigkeit macht Dich aus, sie macht Dich authentisch und so unglaublich spannend. Ich mag diese Abwechslung, sie macht ja schliesslich eine gute Beziehung aus, oder? Ich hoffe wirklich, dass Du die (unberechtigte) Kritik der Leute nicht zu nah an Dich heranlässt. Denn neben der ganzen Lobhudelei machen sie Dich für eine ganze Reihe negativer Dinge verantwortlich: Badetote, Wandertote, Hitzetote. Keine Frage, Du verführst die Leute zum Leichtsinn, aber denken (und genug Wasser trinken!) sollten sie selber. Und im «Den-anderen-die-Schuld-Geben» ist der Mensch besonders geübt.

Du weisst aber, die Menschen wollen und können nicht ohne Dich. Sie sind dankbar für die lauwarmen Nächte vor ihren Häusern, für die Feierabende in Gärten und die plauschigen Bootsausflüge, die Du möglich machst. Du weisst, wie es ist. Kaum bist Du um die Ecke verschwunden, merken sie, wie sehr sie Dich vermissen. Wie sehr sie Dich schätzen. Dann wollen sie Dich zurück, die lieben Leut.

Man merkt eben leider erst, wie sehr man jemanden liebt, wenn man ihn verloren hat. Spätestens dann, wenn Dein Kollege mit den ersten grauen Nebeltagen ins Land schleicht, sehnen sie sich nach Dir, nach Deiner Wärme. Dann verkürzen sie das Warten auf Deine Rückkehr mit Gedanken an Dich. Stellen sich vor, was sie alles anstellen, wenn Du wieder kommst. Und freuen sich, wenn Du zurück bist.

In Liebe
Deine Alexandra Fitz