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Wir tun es alle, dauernd und doch meistens falsch: Richtig atmen will gelernt sein

Wir atmen jeden Tag etwa 20'000 Mal ein und aus. Irgendwann wird da sogar dieses physiologische Wunder zur Selbstverständlichkeit. Dabei kann uns richtiges Atmen mehr als nur am Leben halten.
Diana Hagmann-Bula
Wer es unter Wasser schafft, sich zu entspannen, braucht weniger Atem. Eine Erfahrung, die auch im Alltag hilft. Etwa bei Stress. (Bild: Getty)

Wer es unter Wasser schafft, sich zu entspannen, braucht weniger Atem. Eine Erfahrung, die auch im Alltag hilft. Etwa bei Stress. (Bild: Getty)

Sie hyperventiliert. Nicht aus Angst, sondern nach Anleitung von Guru Sri Sri Ravi Shankar. Ein, aus, ein, aus, schnell und hektisch. Diese Atemübung soll den Geist friedvoll und gelassen machen. Bei Jessica Braun bewirkt sie das Gegenteil. Der Berliner Autorin ist es langweilig, ihre Knie schmerzen. Und unter ihrer Schädeldecke kribbelt es, als hätte jemand Champagner hineingegossen. Sie ist skeptisch.

Gwyneth Paltrow: Nicht ohne meinen Atemguru

In die richtige Atmung stecken Gesundheitsaffine und Sichselbstperfektionierer gerade ihre ganze Hoffnung. Sie soll in einer hektischen Welt Geist und Körper ins Lot bringen. In den Geburtssälen verspricht Hypnobirthing dank bewusstem Schnaufen eine sanftere Geburt.

Auch Gurukritische erkennen beim Rüeblihobeln in der Küche unterdessen eine Gelegenheit zur Achtsamkeit: Sich auf den Atem konzentrieren, schon gleitet man ins entspannende Jetzt. Sogar Hillary Clinton hat die Kraft der Atmung erkannt: Im Wahlkampf gegen den jetzigen US-Präsidenten Donald Trump setzte sie auf die Wechselatmung, um bis zum Schluss ausgeglichen zu bleiben.

Die Lifestyle-Ikone Gwyneth Paltrow hat einen Atemguru fix angestellt und viele Amerikaner haben die Sitzung beim Psychotherapeuten durch eine Stunde beim Atemtherapeuten ersetzt. Kein Wunder, schickte die «New York Times» einen Journalisten für einen Augenschein zu einem Atemexperten: Alan Dolan, 55-jährig, aus Manchester will die Welt verbessern, in dem er seine Atemweisheiten mit ihr teilt. Richtig schnaufen, halte das Gedächtnis wach, wirke Depressionen entgegen, sagt er. Es senke den Blutdruck und helfe beim Einschlafen und bei Schmerzen.

Zu hohe Stimmen wegen falscher Atmentechnik

Seit der Massenmeditation in Berlin trainiert Autorin Jessica Braun täglich ihren Atem. «Wir hatten uns auseinander gelebt», sagt sie. Aufgefallen war ihr das während einer Redaktionssitzung: Die 44-Jährige wollte selbstsicher ihre Themen vortragen. Aus dem Mund kam stattdessen nur eine dünne, hohe Stimme, «die Stress nach aussen transportierte». Sie ärgerte sich und begann zu recherchieren:

«Ich wollte wissen, was ich dagegen tun kann. Schnell bin ich beim Atem gelandet.»

Aus der Kurzrecherche übers Atmen ist ein ganzes Buch geworden. Braun hat dafür im Geburtssaal den ersten Atemzug von Babys beobachtet und auf der Palliativstation mit einer Ärztin über den letzten Atemzug von Betagten gesprochen, sie hat mit Profisportlern trainiert, eine Domina und deren Kunden besucht, den Atemnotspiele erregen.

Und sie hat eine Operation verfolgt, bei der Ärzte ein Stück Lunge entfernten.

«Das Organ zu sehen, das so leistungsfähig ist, so still und fleissig vor sich hinarbeitet und so zart aussieht, war eindrücklich.»

Das 368-seitige Werk erklärt Physiologisches: In den Lungenflügeln befinden sich etwa 300 Millionen Lungenbläschen. Deren feine Haut lässt den Sauerstoff aus der Atemluft ins Blut übertreten, das entstandene Kohlendioxid entweicht umgekehrt vom Blut in die Atemluft.

Entspannen wie ein Apnoetaucher

Braun taucht neben ihren Selbstversuchen ins Medizinische und Historische ein, gibt Tipps für den Alltag. Etwa diesen: Die Grossen sollten wie die Kleinen atmen. Kinder schnaufen tief in den Bauch, Erwachsene verkneifen sich das oft. Damit sich unter Kleid oder Hemd ja nichts wölbt, das als Speckrolle durchgehen könnte.

«Sie riskieren, die Vollatmung zu verlernen und damit das Gefühl, entspannt zu atmen.»

Braun nahm sich also vor, ihren Atem zu verbessern. Und wo fände sie mehr Vorbilder als in der Welt des Sportes? Nicht nur körperliches Training, auch richtige Atmung steigert Leistung nachweislich. Bei den Apnoetauchern – sie kommen unter Wasser ohne Sauerstoffflasche und nur mit dem eigenen Atem aus – lernte sie, wie wichtig Entspannung ist. Vor dem Tauchgang pressen die Sportler mit einer speziellen Technik bis zu vier zusätzliche Liter Luft in die Lunge. Zum Vergleich: Bei normaler Beanspruchung atmet man einen halben Liter Luft ein- und wieder aus. «Dann geht es um Loslassen. Wenig Anspannung, verminderter Sauerstoffbedarf», rät Thomas Oberhuber, österreichischer Staatsmeister im Apnoetauchen. Er hält es fünfeinhalb Minuten unter Wasser aus. Die ungeübte Autorin schreibt:

«Nach fünfundvierzig Sekunden habe ich das Gefühl, dass mein Brustkorb platzt.»

Heute jagen Taucher ohne Sauerstoffflasche Rekorde und Grenzerfahrungen, früher suchten sie am Meeresgrund Schwämme und Perlen.

Auf der koreanischen Insel Jeju wird dieses Immaterielle Unesco-Kulturerbe noch gelebt. Seefrauen tauchen täglich bis zu sieben Stunden ohne Atemhilfe im Wasser, unterdessen nach Seeigeln und im Neopren. Sie haben die Kunst perfektioniert, Anspannung und Entspannung über den Atem zu steuern. Hilfreich unter Wasser, aber auch im Alltag.

Wenn der Mundgeruch nicht mehr weggeht

Nächster Halt auf der Atemreise: die Stimmklinik. Brauns linke Stimmlippe schliesst nicht so dicht wie die rechte, diagnostiziert der Phoniater. Mit einem osteopatischen Griff rückt er den Kehlkopf zurecht; der rutscht bei Stress nach oben. Danach freut sie sich über einen «Mini-Stimmbruch». Im Schnarchlabor erfährt sie, dass Schnarcher so laut knattern können wie ein Rasenmäher.

Der Atem kann auch ganz schön stinken. Die Knoblauchfahne nach Spaghetti Alio e Olio verflüchtigt sich nach zwei Gläsern Milch, krankhafter Mundgeruch aber bleibt. Er plagt Betroffene so sehr, dass das Berliner Universitätsspital Charité seit 1999 eine Mundgeruchsprechstunde führt. In 90 Prozent aller Fälle liegt der Grund im Mund, Rachen- oder Nasenraum. Und nicht im Magen, wie es noch immer oft heisst.

Brauns Buch trifft den Zeitgeist, aber es geht zu tief, um «nur» ein Trendbuch zu sein. Eine Liebeserklärung an die Atmung, nennt sie es. Sie ist ihrem Atem wieder näher gekommen. Und hofft, dass es den Lesern gleich ergeht. Om.

Jessica Braun: Atmen – Wie die einfachste Sache der Welt unser Leben verändert, Kein & Aber, S. 368, Fr. 29.90

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