Leise rieselt der Frust

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Weihnachten, das Fest der grossen Fragen.

Maria Brehmer
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«Wie steht’s um mein Liebesleben? Bin ich glücklich so? Jahr für Jahr stellte ich mir diese Fragen, meist ab dem 26. Dezember, allerspätestens nach dem dritten Weihnachtsliebesfilm.» (Bild: Sandra Ardizzone)

«Wie steht’s um mein Liebesleben? Bin ich glücklich so? Jahr für Jahr stellte ich mir diese Fragen, meist ab dem 26. Dezember, allerspätestens nach dem dritten Weihnachtsliebesfilm.» (Bild: Sandra Ardizzone)

Weihnachten ist eine gute Sache, sofern alles oder zumindest das meiste gerade stimmt. Sind die Baustellen des Lebens klein oder stillgelegt, schmiegen sich Heilsarmee-Klänge, Dekokitsch und «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» wie ein flauschiger Pulli um die Seele. Dieser künstliche Frieden, den Weihnachtsbeleuchtung und der Duft von Zimt über alles stülpen, macht selig. Weihnachtsmarktstimmung lässt mich meine eiskalten Füsse ertragen. Oder meine Steuerrechnung vergessen, zumindest für einen kurzen (Glühwein-)Moment.

«Besinnlichkeit» – worauf?

Fühlen wir uns gegen Ende des Jahres verbraucht und finden wenig Zeit für erbauliche Alltagsfluchten (Glühweinabende ausgenommen), kann Weihnachten zuweilen des Teufels sein. Geschenkestress, Familienessen, kleine und grosse Kräche – Sie kennen es. «Besinnlichkeit» nennen wir das, doch anstatt uns auf Dinge zu besinnen, die gut funktionieren und die wir trotz Widerstände tipptopp meistern, sehen wir vor allem das, was wir vermasselt haben, was wir hätten besser machen können oder was es alles noch zu tun gibt. Die Wohnung sauber machen, bevor der Besuch kommt, etwa. Den Traumpartner finden. Mehr Sex haben. Eine Familie gründen. Weihnachten, das Fest der Fülle – und plötzlich ist da Leere.

Dazu kommt: Wer unglücklich ist in der Beziehung, erlebt Unstimmigkeiten an Weihnachten intensiver – weil sie eingebettet sind in die romantischste Zeit des Jahres. Haben wir zwischen den Jahren auch noch die Zeit, all das zu reflektieren, fällt uns unser Unglück zuweilen wie Schuppen von den Augen. Weihnachten, das Fest der Liebe – und plötzlich ist da keine.

Antworten liegen nicht wie Geschenke unterm Weihnachtsbaum

Weihnachten steht oft so unerwartet schnell vor der Tür, dass die Seelenhygiene kaum Platz findet irgendwo zwischen Frühlingsferien und erstem Advent. Was will ich eigentlich? Wie steht’s um mein Liebesleben? Bin ich glücklich so? Jahr für Jahr stellte ich mir diese Fragen, meist ab dem 26. Dezember, allerspätestens nach dem dritten Weihnachtsliebesfilm – Antworten fand ich nur schwer. Weil sie nicht wie Geschenke unter dem Weihnachtsbaum liegen und man sie auch nicht kaufen kann. Auch wünschen hilft nicht. Leise rieselte der Frust.

Heute weiss ich: Ende des Jahres nicht vor einem Berg aus existenziellen Fragen zu stehen, bedeutet Arbeit – die sich auszahlt wie der dreizehnte Monatslohn. Die eigene Beziehung regelmässig zu beleuchten, ist wie ein Dauerauftrag für das Steuerkonto: ein bisschen lästig, ein bisschen spiessig, doch es erspart einem Probleme. Experten nennen Arbeit an der Beziehung «auf das Beziehungskonto einzahlen», was nüchtern klingt, aber das Bild trifft: Eine geklärte Beziehung ist ein Polster im Rücken, das sich gut anfühlt und Sicherheit gibt. Weihnachten, das Fest der Freude – und plötzlich ist da welche.

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