Leiden am Mont Ventoux

Tour de France Steil, windexponiert und kahl: Der Mont Ventoux lässt das Herz jedes ambitionierteren Velofahrers höher schlagen. Zusammen mit Galibier, Tourmalet und der Alpe d'Huez gehört er zu den heiligen Bergen der Tour de France. Auch wenn der Tour-Tross den Berg dieses Jahr auslässt: Er stand auf dem Programm unserer Hobbyfahrer-Gruppe. Stefan Schmid

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Ein bisschen Qual muss sein: Hobbyfahrer kurz vor dem Gipfel des legendären Mont Ventoux in der Provence. (Bild: Urs Turtschi)

Ein bisschen Qual muss sein: Hobbyfahrer kurz vor dem Gipfel des legendären Mont Ventoux in der Provence. (Bild: Urs Turtschi)

Tragisch hat die Etappe geendet. Eineinhalb Kilometer vor dem Gipfel ist der englische Radprofi Tom Simpson zusammengebrochen. Er verstarb noch an der Unglücksstelle. Später stellte sich heraus, dass Simpson eine hohe Dosis Amphetamine und wohl auch Alkohol zu sich genommen hatte.

Spätestens seit jener Tour-de-France-Etappe vom 13. Juli 1967 wird der Aufstieg zum 1912 Meter hohen Mont Ventoux gefürchtet.

Auch heutzutage sollen Hobbyfahrer, die schlecht trainiert und überambitioniert sind, tot vom Velo fallen. Die regionale Tourismusbehörde spricht von 10 bis 20 Opfern, die der «windige Berg» jährlich fordert. Eine masslose Übertreibung, der Legende wegen? Die Zahl kann nicht überprüft werden.

Ständige Pinkelpausen

Wir sind beeindruckt – und starten trotzdem. Die Älteren in unserer zehnköpfigen Gruppe wollen den Berg über die Ostseite erklimmen. Es ist der leichteste der insgesamt drei Anstiege.

Auf 26 Kilometern müssen «nur» 1150 Höhenmeter überwunden werden.

Zu zweit greifen wir an der berüchtigten Südflanke an. Dort, wo auch die Cracks der Tour bisher 13mal hinaufgefahren sind – letztmals vor einem Jahr. Von Bedoin aus überwindet die Strasse auf 21 Kilometern insgesamt 1600 Höhenmeter bei einer durchschnittlichen Steigung von 7,6 Prozent.

Mit viel Respekt fahren wir in die Rampe hinein. «Ich muss pinkeln», ruft mein Begleiter nach nur einem Kilometer. Ich nutze die Gelegenheit, mich mit einem Getreideriegel mental und physisch zu stärken. Weiter geht's. Doch die Fahrt dauert nicht lange. «Ich muss wieder pinkeln», tönt es hinter mir. Ego-Trip statt Gruppenfahrt. Diesmal steige ich nicht mehr vom Velo und fahre weiter. Jeder pedalt in seinem Rhythmus, die ständigen Halte machen mich fertig. Marc hat das «Ventoux-Syndrom».

Zu viel getrunken – aus lauter Respekt. Schliesslich wird das auch in allen Broschüren empfohlen. Ein dehydrierter Körper ist der Hauptgrund für Kreislaufzusammenbrüche. Doch die volle Blase wird dermassen geschüttelt, dass bei manchen an eine normale Fahrt kaum mehr zu denken ist.

Er schnaubt wie ein Stier

Es ist still am Berg. Nur der Pulsschlag ist unterm Helm laut und deutlich zu hören. Die Schweisstropfen auf der Sonnenbrille behindern zunehmend die Sicht.

Die frisch ergrünten Birken werfen wenigstens teilweise etwas Schatten auf die Fahrbahn.

Bei Kilometer fünf steht Renate, unsere fürsorgliche Betreuerin, am Strassenrand. Wie bei den Profis hält sie eine frische Getränkeflasche und ein Stück Banane zu. «Alles klar?», fragt sie. «Alles klar.» Doch langsam beginnen die Beine zu schmerzen. Die Bäume lichten sich, der Wind braust steif über die Flanke, die Sonne brennt. Ich überhole ein Pärchen. Er, ein paar Kilo zu viel auf den Rippen, sieht nicht mehr gut aus.

Wie ein Stier schnaubt er hinter mir. «Alles klar», frage ich, leicht besorgt, leicht überheblich, da viel flotter unterwegs. «Oui, oui, ça roule», haucht es zurück. Hat die Tourismusbehörde womöglich doch recht? Nicht mein Problem, denke ich und fahre weiter. Jeder weiss ja, worauf man sich an diesem Berg einlässt.

Ich erreiche die kahle Ventoux-Kuppe beim Chalet Reynard, der Sendeturm auf dem Gipfel wird immer markanter. Eine kräftige Böe reisst mich beinahe vom Velo.

Jetzt wird's brutal. Nochmals hält Renate frisches Wasser und ein Biskuit bereit. «Wie geht's Marc?», frage ich. «Gut, er ist nicht mehr ständig am Pinkeln.»

Schwindel im Ziel

Das Denkmal, das an den tragischen Tod von Tom Simpson erinnert, taucht auf. Nicht daran denken. Weiterfahren. Nach genau eindreiviertel Stunden erreiche ich den Gipfel. Urs, der mit der anderen Gruppe über die Ostflanke gefahren ist, fällt mir um den Hals. «Gratulation, du hast es geschafft.» Mir ist schwindlig, die Beine sind schwabbelig.

Kurze Zeit später trifft Marc ein. Auch er strahlt gequält. Wir flüchten in die Beiz, der Wind ist kalt und stark. Mit Cola päppeln wir uns wieder auf. Die Schwindelgefühle lassen zum Glück langsam nach.

Gefährliche Böen

Dick eingepackt verlassen wir das Gipfelrestaurant und machen uns für die lange Abfahrt hinunter in die liebliche Landschaft der Provence parat. Wir rollen in der Strassenmitte, weil es am Rand wegen der Böen zu gefährlich ist. Weiterhin quälen sich Hobbyfahrer den Berg hinauf.

Einer wankt geschafft auf seinem Velo hin- und her. Es ist der Mann, der mir weiter unten in bedenklichem Zustand begegnet ist. «Ça va?», frage ich. «C'est dur, mon ami», tönt es zurück. Doch auch aus seinen Augen blitzt Stolz. Der Mont Ventoux macht irgendwie glücklich.

An der Waldgrenze fehlen noch rund vier Kilometer bis zum Gipfel. (Bild: pd)

An der Waldgrenze fehlen noch rund vier Kilometer bis zum Gipfel. (Bild: pd)

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