Leibchen mit Botschaft

Lange war das T-Shirt nur ein Unterhemd. Ab den 1950ern wurde es zur Plattform für zahlreiche Statements. Ein neuer Bildband zeigt die schönsten Shirts von damals.

Roger Berhalter
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Als erstes entdeckten Tourismusbüros das T-Shirt als Werbefläche. 1969 pries ein Reiseveranstalter mit dem Aufdruck «Virginia is for lovers» seinen Bundesstaat an. Damals drehten sich gerade die ersten Mehrfarben-Rotationsmaschinen, und das ebenfalls neue Thermodruckverfahren erlaubte es fast jedermann, nicht nur Einzelbuchstaben und Schriftzüge, sondern auch fotorealistische Darstellungen auf Leibchenstoff zu drucken.

Zuvor war das T-Shirt lange verborgen geblieben. Es war Teil der Unterwäsche, ein Unterhemd, das höchstens an verschwitzten Männerkörpern zu sehen war, wenn schwere körperliche Arbeit verrichtet wurde. In der U.S. Navy gehört das weisse, kurzärmlige Shirt mit rundem Ausschnitt seit 1913 zur offiziellen Uniform. Aber erst im Zweiten Weltkrieg gingen Bilder der amerikanischen Marinesoldaten in ihren T-Shirts um die Welt.

Und in den 1950er-Jahren, als sich Marlon Brando, James Dean und Elvis in Shirts zeigten, trat das Leibchen endgültig ans Tageslicht und wurde zum Symbol der Rebellion.

Psychedelik und Werbeslogans

In den 1960ern und 70ern entwickelte sich das T-Shirt zur Plattform der Selbstdarstellung. Von der politischen Überzeugung bis zum Musikgeschmack: Es sagte vieles über seinen Träger aus.

Wiederentdeckte afrikanische und asiatische Batiktechniken verwandelten Stoff in psychedelische Statements. Später entdeckten Bands das T-Shirt als Kanal, um ihre Logos, Fotos und sogar Tourdaten zu verbreiten. Die Grossindustrie folgte und liess zahlreiche Werbeslogans auf T-Shirts drucken – was wiederum andere animierte, die bekannten Firmenlogos abzuändern.

Man denke nur an den Coca-Cola-Schriftzug, der für unzählige Spässe herhalten musste (siehe Beispiel rechts).

650 Klassiker im Bild

Viele dieser T-Shirts von früher sind längst in der Altkleidersammlung gelandet. Manche aber zum Glück auch bei Marc und Patrick Guetta an der Melrose Avenue. Ihr Laden «World of Vintage T-Shirts» ist seit über zehn Jahren Hollywoods wichtigste Adresse für klassische T-Shirts. Zusammen mit der Modejournalistin Alison A. Nieder haben die beiden einen Bildband veröffentlicht.

Er erzählt die Geschichte des T-Shirts nach und zeigt 650 Klassiker im Bild, vor allem aus den 1970er- und 80er-Jahren. Bandshirts, Surfershirts, Motorradshirts, Armyshirts, Comicshirts – unglaublich, was schon alles auf Stoff gedruckt worden ist.

Guetta, Marc & Patrick; Nieder, Alison A.: Vintage T-Shirts, Taschen Verlag, Köln, 2010, Fr. 47.90