Leggins: Tot geglaubte leben länger

MODE. Die „Leggins“ gehörten zu den 80er-Jahren wie Madonna oder Boy George. Seit einiger Zeit prägen sie auch wieder das St.Galler Stadtbild. Junge Frauen folgen den Styling-Vorschlägen der Modeszene bereitwillig.

Sandra Schweizer
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Leggins in der Multergasse. (Bild: Sandra Schweizer)

Leggins in der Multergasse. (Bild: Sandra Schweizer)

Schon in den 80er- und frühen 90er-Jahren gingen die Meinungen über die Leggins (vom englischen „leg“, Bein) weit auseinander. Das ist bis heute so geblieben. Frauen wie Nicole Jackson vom britischen „Observer“ beschlichen bereits 2006 angesichts der aus der Versenkung auferstehenden Leggings ungute Gefühle. „Oh nein, die Leggins sind zurück“, schrieb sie - und doppelte nach: „Der 80er-Jahre-Mode-Witz kommt zurück.“

Schlechter Geschmack
Tatsächlich war diese Art Beinkleider immer eine heikle Angelegenheit: Eng anliegend und elastisch, wie sie sind, schreien sie geradezu nach einer schlanken, sportlichen und gross gewachsenen Trägerin. Das macht es für Frauen mit normaler Figur schwierig. Die einen liessen denn auch die Finger davon, andere – leider - nicht.

Der schlechte Ruf der Leggins hielt sich auch dann noch, als sie aus den Modegeschäften schon lange verschwunden waren. Die Kombination von Leggins, unförmigen Körpern, Föhnfrisuren und ausgebeulten T-Shirts wurde zur Karikatur der ursprünglichen Mode-Idee. Ein „Schattendasein als sicheres Merkmal für schlechten Geschmack“ hätten die Leggins geführt, sagt Mode-Kritiker Jeroen van Rooijen im NZZ Folio vom April 2007.

Schnitte und Material der neuen Leggins sind weitgehend dieselben wie in den 80er-Jahren. Aber: Die heutigen Leggins werden anders getragen als früher, und sie sehen anders aus. Schreiend bunte Muster oder glänzendes Neon blieben in der Versenkung. Heute sind Leggins schwarz, naturfarben oder aus dezentem Häkelmaterial – und werden im Lagenlook getragen. Unter einem Rock, sogar unter einer kurzen Hose. Bei den Mode-Kritikern scheint sich die Leggins-Skepsis gehalten zu haben. Sie erklären die Stücke zum Drunterziehen schon seit einiger Zeit für passé. Sieht man sich allerdings auf der Strasse um, ist rasch klar: Passé sieht anders aus. Junge Frauen tragen Leggins offensichtlich gern und häufig. So häufig, dass der zweite Abschied von den Beinschläuchen wirklich bald in Sicht ist?

Der Trend geht weiter
Klar „nein“ sagt dazu Globus. Die Leggins bleiben nach Meinung von Peter Schupisser, Leiter Einkauf Damenmode Globus Schweiz, im Trend. Im Winter setzt das Warenhaus weiterhin stark darauf. Bei Manor sieht man es ähnlich. Mediensprecherin Elle Steinbrecher meint zu dem Thema: „Leggins sind zum Basic geworden; da der Sommer manchmal auf sich warten lässt und der Winter länger und milder ist, darf dieses Accessoire im Kleiderschrank nicht fehlen. Der Trend geht definitiv weiter.“

Bei der St.Galler Filiale von Companys, die das Eigen-Label InWear, aber auch Marken wie Tiger of Sweden oder Jackpot vertritt, ist man ebenfalls der Meinung, dass die Leggins alles andere als vorbei sind. Die Mode-Kette schlägt auch für die Winter-Saison den Lagenlook und die dafür unverzichtbaren Leggins vor. „Es kommen laufend Oberteile und Jupes herein, zu denen man Leggins trägt, sagt Jachine Länzlinger, Auszubildende im dritten Lehrjahr bei Companys.

Den Bund sieht man nicht
Aber wie kamen die Leggings überhaupt zurück ins Rampenlicht? Die junge Generation trage Leggins unbefangen, da sie sich nicht an deren Ruf aus den 80ern erinnere, sagt dazu Elle Steinbrecher. „Sie eignen sich besonders gut, den eignen Look zu individualisieren.“ Bei Globus ist man derselben Meinung: „Alle Trends kommen halt wieder“, sagt Peter Schupisser, „ausserdem eignen sich die Leggins gut zum Kombinieren.“ Damit sprechen beide den wohl wichtigsten Unterschied zwischen den Leggins von heute und deren Vorgänger-Generation an: Die aktuellen Leggins sind kein eigenständiges Kleidungsstück mehr, sondern eher Strumpfhosen-Ersatz. Teile also, die unter Jupes, Kleidern oder Shorts getragen werden. „Den Bund sieht man nie!“ sagt der Globus-Einkäufer.

Jachine Länzlinger von Companys betont den Ersatz-Charakter ebenfalls, und sie fügt hinzu: „Ich persönlich trage Leggins sehr gerne. Wer es bequem haben möchte, muss einfach auf die Leggins zurückgreifen."

Festzuhalten ist allerdings: Leggins-Trägerinnen sind fast ausschliesslich junge Frauen. „Die Ostschweizerinnen sind experimentierfreudig“, sagt Länzlinger, „aber ab einem gewissen Alter, ich würde sagen so ab 35 Jahren, interessieren sie sich nicht mehr für Leggins.“ Ob es daran liegt, dass sie sich ungern an ihre modische Exaltiertheit vor 20 Jahren erinnern, oder ob es schlicht an Styling-Vorschlägen für reifere Trägerinnen fehlt, sei dahin gestellt.

Leggins am Marktplatz. (Bild: Sandra Schweizer)

Leggins am Marktplatz. (Bild: Sandra Schweizer)

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