Langeweile? Herzlich willkommen!

Kleine Kinder brüllen, wenn der Stress unerträglich wird. Ein natürliches Ventil, das ihnen bald ausgetrieben wird: Mit Mandalas und Medikamenten.

Bettina Kugler
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Ein Blick aus dem Fenster genügt. Da wiegt sich ein Baum im Wind. Menschen gehen durch den Park, Kinder tschutten vor dem Haus. Vielleicht stehen Velos und Kehrichtsäcke im Hof, oder zwei Reiter passieren die Wohnstrasse in Richtung Feldweg. Ein anderes Kind schaut auf eine Tankstelle; es könnte zählen, wie viele rote Autos an diesem Nachmittag an die Zapfsäule fahren. Nur: Welches Kind hat noch Zeit, mitten am Tag einfach so aus dem Fenster zu schauen und zu warten, was passiert? Oder noch besser: Aufs Geratewohl das Haus zu verlassen, mit Freunden in wilden Wäldern zu stromern, ohne gleich via Handy geortet zu werden?

Kinder auf Mediendiät

Die Schulaufgaben drängen, die Ballettstunde, der Flötenunterricht, der Hockeyclub. Die besten Clips auf YouTube, Computerspiele mit Suchtfaktor, der Kinderkanal. Reizüberflutung, Dauerberieselung, wachsender Leistungsdruck in der Schule, immer früher eine fast lückenlos gefüllte Agenda: Das alles führt dazu, dass bereits Kinder unter Stress leiden. Sie klagen über Bauch- und Kopfschmerzen, sind nervös, können sich schlecht konzentrieren und schlafen schlecht. Es fehlt ihnen der Appetit ebenso wie frische Luft und Bewegung; Hyperaktivität oder Aggressivität können die Folge sein.

Abschalten – viele Kinder können das inzwischen so wenig wie erwachsene Smartphone-Junkies. Dabei wäre es der erste Schritt zur Entspannung, im Alltag ebenso wie in den Ferien, die ja zum Abschalten gedacht sind: den MP3-Spieler ebenso wie den Laptop, die Spielkonsole, das Telefon. Sich eine Mediendiät verordnen, alle Stecker herausziehen, Stille.

Ohne «Langeweile», unverplante Zeit gibt es keine Erholung und keine Möglichkeit, kreativ zu werden: Die besten Ideen kommen unverhofft, beim Nichtstun oder Seilspringen. Kinder wollen die Welt anfassen und am ganzen Leib spüren, nicht nur möglichst effizient durch den Kopf schleusen. Ein Trampolin vor dem Haus ist als Stressventil nicht schlecht, ein Tag mit Rucksack auf dem Berg oder an einem einsamen Strand besser. Eltern tun gut daran, sich nicht als Eventmanager oder Animateure aufzuspielen: Dass Kinder nichts mit sich anzufangen wissen und Leerlauf schlecht aushalten, liegt oft an ihrer straff organisierten Freizeit.

Durchatmen mit Seifenblasen

Dabei ist Spiel nicht nur «die Arbeit des Kindes» (Maria Montessori), sondern auch notwendige Ruheinsel – wenn es nicht pädagogisch verzweckt und manipuliert, im intensivsten Moment unterbrochen und mit zu viel Material blockiert wird.

Doch auch punkto Entspannung wird heute nichts mehr dem Zufall überlassen. Man kann sie kaufen und buchen – in Form von Kinderyoga, Familienhotels, Mandala-Malbüchern oder Phantasiereisen auf der Turnmatte. Tatsächlich helfen solche Bremsmanöver vielen Kindern im Alltag; eine spontane Kissenschlacht aber erfüllt denselben Zweck, ein gemütlicher Zvieri, Chiffontücher zum Jonglieren. Oder ein paar Minuten mit Seifenblasen: Die zwingen zu entspanntem Atmen und lassen Ärger und lästige Gedanken sanft davonschweben.