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Langes Glücksgefühl

Der belgische Künstler David Claerbout (geb. 1969) besetzt das Kunstmuseum St. Gallen mit acht multimedialen Arbeiten, die den Augenblick in tausend Stücke schlagen und neu zusammensetzen. Die Ausstellung, betitelt «After the Quiet», formt Zeit.
Ursula Badrutt Schoch
Atmosphärische Annäherung: David Claerbouts jüngste Fotoarbeit «The Algiers' Sections of a Happy Moment». (Bild: Claerbout/Kunstmuseum St. Gallen)

Atmosphärische Annäherung: David Claerbouts jüngste Fotoarbeit «The Algiers' Sections of a Happy Moment». (Bild: Claerbout/Kunstmuseum St. Gallen)

Allein schon die Tonspur verzaubert. Unendliche Längen von Hochgefühlen ziehen flirrend durch die Räume, lange und langsame Gitarrenakkorde in maghrebinischen Klangmustern rockiger Qualität legen sich übereinander. Bilder aus Antonionis «Zabriskie Point» tauchen auf, insbesondere die daraus von Rodney Graham zur Endlosschlaufe gefädelte Liebesszene. Die Bilder zeigen in Diaprojektionsmanier den Moment einer Pause. Jugendliche Fussballer in einem Hof von Algiers Kasbah halten inne und beobachten, wie einer von ihnen Seemöwen füttert. Ein wundersamer Augenblick von Glück; Kinderaugen leuchten, die alten Männer können den Blick nicht abwenden.

Der gedehnte Augenblick

David Claerbout kostet diesen unerwarteten Höhepunkt aus, zieht ihn in die Länge, dreht ihn und zeigt ihn von allen Seiten. Ein Dutzend Aufnahmen zeigen einen im Glück schwelgenden Buben. Andere den Fütternden, die Möwen, das Kreisen und Kreischen. Der Künstler erforscht den Augenblick in 600 aus insgesamt 50 000 Aufnahmen ausgewählten Bildern. Erst allmählich drängt die Unmöglichkeit der Szene ins Bewusstsein.

«The Algiers' Sections of a Happy Moment», die jüngste Arbeit Claerbouts und letzter Teil einer Trilogie, die sich der Untersuchung von Glücksmomenten widmet, ist auch eine Arbeit über die Befragung der Wahrheit von Bildern und die Möglichkeit ihrer Fiktionalisierung. Die Arbeit ist aus vielen Einzelteilen zusammengeschnitten. Architektur, Vögel und Menschen sind einzeln fotografiert, zum Teil im Atelier, und neu montiert. Wir merken nichts davon. Es ist eine sehr aufwendige, der Malerei nachempfundene Art, sich einer Atmosphäre zu nähern. Die Arbeit ist aber mehr noch der – sehr gelungene – Versuch, das Glück als perplexen Augenblick zu fassen und als Erlebnis purer Intensität Bild werden zu lassen.

Luxus Zeit

Die Entdeckung der bildnerischen Fiktion geschieht gleichzeitig mit ihrer Dekonstruktion. Das tut dem Moment der ekstatischen Verzauberung keinen Abbruch. Im Gegenteil. Eine vergleichbare Recherche geschieht auch in der die Ausstellung «After the Quiet» abschliessenden Arbeit. «Arena» zeigt just jenen Moment in einem Basketballspiel, bevor der Ball im Korb landet – oder auch nicht. Ein Jahr lang habe er jeden Samstag die Erstligaspiele in Antwerpen verfolgt und Zuschauer und Spieler gefilmt, erzählt David Claerbout. «Es gibt viele Unmöglichkeiten in den Bildern.» Unsere von Film und Sportübertragungen konditionierte Wahrnehmung aber übersieht sie und setzt aus den mehrsichtigen Bildsequenzen einen einzigen Moment entscheidender Anspannung zusammen.

Andere Arbeiten wie «Bordeaux Piece» (2004) und «White House» (2006) arbeiten mehr mit filmischen Erzählsträngen. «Bordeaux Piece» spielt in einer Rem-Koolhaas-Villa in Südfrankreich ein Beziehungsgewirr nach Godards «Le Mépris» durch. In «White House» geht es vordergründig um einen brutalen Mord. Beide Filme dauern fast 14 Stunden und wiederholen bei unterschiedlichen Tageszeiten ständig dieselben kurzen Szenen und banalen Dialoge. Dabei werden unsere (Kino-)Sehgewohnheiten untersucht und offengelegt. Da die Filme synchron zur tatsächlichen Tageszeit laufen, bleiben die eindrücklichsten Szenen von Sonnenauf- und -untergang für den Museumsbesucher unsichtbar. «Die Filminstallationen handeln auch davon, dass Zeit Luxus ist», sagt Clearbout. «Das Defizit von Zeit ist in den Arbeiten inbegriffen.» Diesen Luxus aber lohnt es sich zu leisten und die Zeit in der Ausstellung grosszügig vergehen zu lassen.

Architektur mit Untertönen

Zeit dominiert auch in «Rocking Chair». Im Oblichtsaal, der wie alle anderen Räume im Dunkeln liegt, schaukelt behäbig eine Frau auf der Veranda. Die Ruhe selbst. Wir bremsen. Ihr Gesicht liegt im Schatten. Diesmal ist die Projektionsfolie eine gebaute Wand. Die Rückseite zeigt die Frau von hinten. Wir haben den Filmraum, der sich mit der realen Architektur vermischt, betreten und blicken über die Veranda in die Landschaft. Als ob die Frau uns bemerkte, hebt sie den Kopf, lauscht und fährt im Schaukeln fort. Die interaktive Arbeit gibt einen Moment lang die Illusion einer tatsächlichen Begegnung.

Paradoxes geschieht auch in «The Stack». Tonlos wird ein stundenlang fotografiertes Brückengewirr in Untersicht als Film projiziert. Im Zeitraum einer guten halben Stunde lässt sich das Wandern von Licht und Schatten beobachten. Unerwartet taucht am unteren Bildrand – als läge er im Museum selber – ein schlafender Obdachloser auf. Während im oberen Bildteil die Euphorie der Mobilität als pure Konstruktion erstrahlt, löst sich aus dem Schatten des urbanen Restraumes die Kehrseite der Medaille heraus. Mit der gesellschaftskritischen Wende der Videoinstallation fokussiert die Arbeit das Verhalten des Publikums zwischen ungeduldigem Getriebensein, neugierigem Ausharren und sensationslüsternem Warten; ein weiteres überwältigendes Bilderlebnis zwischen Augenblick und Ewigkeit.

Bis 31. August, Di–So 10–17 Uhr, Mi 10–20 Uhr; Katalog David Clearbout, The Shape of Time, Verlag JRP/Ringier, Fr. 60.–

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