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Hebamme ermahnt Eltern: «Kuscheln ist überlebenswichtig»

Manuela Steiner besucht im Thurgau Mütter im Wochenbett. Sie unterstützt die Frauen nicht nur beim Stillen und bei der ­Säuglingspflege, manchmal wird sie auch zur Paartherapeutin.
Text: Melissa Müller, Bilder: Benjamin Manser
Manuela Steiner plaudert oft mit dem Baby – und will damit ein Vorbild für Eltern sein.Manuela Steiner plaudert oft mit dem Baby – und will damit ein Vorbild für Eltern sein.
In den fragilen ersten Tagen ist die Hebamme für Mutter und Kind da.In den fragilen ersten Tagen ist die Hebamme für Mutter und Kind da.
Levin war eine «Expressgeburt» – er wog über vier Kilo. (Bild: Bild:Blindtext Blind Blind)Levin war eine «Expressgeburt» – er wog über vier Kilo. (Bild: Bild:Blindtext Blind Blind)
Bei der Bauchmassage kommt es oft zu den besten Gesprächen.Bei der Bauchmassage kommt es oft zu den besten Gesprächen.
Fast jede Frau freut sich, wenn die Hebamme zu ihr kommt.Fast jede Frau freut sich, wenn die Hebamme zu ihr kommt.
5 Bilder

«Kuscheln ist überlebenswichtig»

Die Hebamme klingelt an der Tür. Eine junge Frau öffnet und fällt ihr um den Hals. «Endlich bist du da», sagt Elfride. Sie trägt Leggins und Strickjacke und wirkt noch etwas blass und erschöpft, eine Woche nach der Geburt. Manuela Steiner schlüpft aus Turnschuhen und Trenchcoat und geht zielstrebig zum Stubenwagen. Sie beugt sich über Levin, über 4 Kilogramm schwer, der am Daumen saugt. 400 Gramm habe er in einer Woche zugenommen, sagt seine Mutter. «Bravo Levin», sagt Manuela Steiner und hebt den Säugling aus dem Bettchen. «Was für eine lustige Igelfrisur du hast!» Levin strampelt, er hat ein rotes Äuglein. «Da ist ein Äderchen geplatzt», sagt die Fachfrau.

Bei Baby Levin ist ein Äderchen geplatzt. (Bild: Benjamin Manser)

Bei Baby Levin ist ein Äderchen geplatzt. (Bild: Benjamin Manser)

Am 5. Mai ist Internationaler Tag der Hebamme. Dabei treten Hebammen an die Öffentlichkeit, um auf ihren Berufsstand, ihre Leistungen und Anliegen aufmerksam zu machen. «Es ist ein toller Job. 99 Prozent der Leute freuen sich, wenn ich zu ihnen komme», sagt Manuela Steiner, die mit ihrem Mann und zwei Kindern im Thurgauer Dorf Erlen wohnt. Eine prall gefüllte rot-weisse Freitag-Tasche dient der 37-Jährigen als Hebammenkoffer. Die Eltern lassen die Hebamme in ihr Privatreich, reden mit ihr über intime Dinge.

Levin war eine «Expressgeburt»: Morgens um 5 Uhr platzte die Fruchtblase. Eigentlich wollte ihn seine Mutter in Frauenfeld auf die Welt bringen, aber sie realisierte sofort, dass sie das nicht mehr schaffen würden. Also brachte ihr Mann sie ins näher gelegene Spital nach Münsterlingen. Im Gebärsaal zog die Hebamme der Frau die Hose aus – ein paar Minuten später war das Kind da. «Es ging so schnell», erzählt sie. «Fast zu schnell?», fragt die Hebamme. Sie hilft auch, das Geburtserlebnis zu verarbeiten, «damit die Frau die Geburt als wertvolles Ereignis in ihrem Leben abspeichern kann, nicht als Belastung.» Doch manchmal, da will sich das Mutterglück einfach nicht einstellen. Nicht jede Frau ist überglücklich, wenn man ihr das Kind nach überstandener Geburt auf die Brust legt.

«Manchmal braucht es ein paar Tage oder sogar einige Wochen, bis man sich in das Kind verliebt.»

«Ich wollte etwas mit den Händen machen»

Manuela Steiner ist seit acht Jahren freiberuflich tätig. Nach dem Gymnasium wollte sie Journalistin werden, überlegte es sich dann aber anders. «Ich wollte etwas mit den Händen machen.» Nach der Hebammenausbildung arbeitete sie 11 Jahre in einem Spital. «Im Gebärsaal musste ich mich oft um drei Frauen gleichzeitig kümmern – und konnte ihnen nicht immer gerecht werden.» Gebärende seien «Frauen in einer Krisensituation», was auch für Hebammen mitunter belastend sei. Am schönsten sei die 1:1-Betreuung mit der selben Hebamme: Vor, während und nach der Geburt. Ein Jahr lang bot Manuela Steiner diesen Service an. Aber die Dauererreichbarkeit, Tag und Nacht und sieben Tage die Woche, belastete sie und ihre Familie. «Schweren Herzens habe ich damit aufgehört.» Jetzt betreut die Frauen nur noch am Wochenbett, berät beim Stillen und bei der Säuglingspflege.

Manuela Steiner wiegt den Neugeborenen.

Manuela Steiner wiegt den Neugeborenen.

Hebammen praktizieren, seit es Menschen gibt. Schon immer haben sich Frauen beim Gebären und bei der Babypflege geholfen und ihr heilkundiges Wissen miteinander geteilt. «Soll ich dir den Bauch massieren?», fragt Manuela Steiner nun Elfride, die nickt. Dann ertastet sie die Gebärmutter, die durch die Geburt leicht verletzt worden ist. «Wenn es da nach drei Wochen noch weh tut, könnte das bedeuten, dass etwas nicht stimmt mit der Rückbildung.» Während sie die Frau mit einem wohlriechenden Öl verwöhnt, stellt sie Fragen wie: Hast du genug Unterstützung? Hast du Appetit? Füllt sich deine Brust gut mit Milch? «Wenn ich die Frau am Bauch massiere, entstehen die besten Gespräche», sagt die Hebamme. Manche Mütter weinen, andere kommen ins Erzählen.

Auch Levins grosse Schwester buhlt um Aufmerksamkeit. (Bild: Benjamin Manser)

Auch Levins grosse Schwester buhlt um Aufmerksamkeit. (Bild: Benjamin Manser)

Nebenan macht Levin Babygeräusche. «Du hast Hunger, gell?», sagt Manuela Steiner. Zuerst desinfiziert sie mit einem Wattestäbchen Levins Bauchnabel, an dem noch ein Stück Nabelschnur hängt. Zu seiner Mutter sagt sie mit gespielter Entrüstung: «Bei dir läuft es so gut, es ist fast langweilig.» Bevor sie sich verabschiedet, zaubert sie aus ihrer Tasche eine Tüte «Rückbildungstee», die sie Elfride reicht. Nach einer herzlichen Umarmung fährt die sie ins nächste Dorf und checkt noch ihre Whatsapp-Nachrichten. Eine Mutter hat ihr ein Foto einer gefüllten Windel geschickt – auch das gehört zum Hebammenalltag.

Die Hebamme dokumentiert bei ihren Hausbesuchen jede Entwicklung und Beobachtung. (Bild: Benjamin Manser)

Die Hebamme dokumentiert bei ihren Hausbesuchen jede Entwicklung und Beobachtung. (Bild: Benjamin Manser)

Mehr Nähe als im Mutterbauch geht nicht

Vor dem Block, an dem sie als nächstes klingelt, steht ein Schild mit einem Comic-Elch, auf dem «Liam» steht. Liam, seit einer Woche auf der Welt, schlummert in der Wiege. Er strahlt eine Reinheit und Unschuld aus, wie sie nur Neugeborene haben. Die Stube ist voller Blumensträusse zur Geburt. An der Wand hängen schwarz-weiss-Fotos der schwangeren Mutter, die stolz mit ihrem Babybauch posiert, mit neckischem Lächeln und wilder Lockenpracht. Hinter ihr steht ihr Partner, mit Bart, und streichelt ihren Bauch.

Bei der Geburt wog Sohnemann Liam nur 2100 Gramm, aber er schreit schon wie ein Grosser. Seine Mutter Maggie findet, sie habe auch wieder einmal ein Recht auf Ruhe: «Er muss lernen, in seinem eigenen Bett zu schlafen und auch mal allein zu sein.» Das habe sich die Natur aber anders ausgedacht, kontert Manuela Steiner. Ein so kleines Baby könne man noch nicht erziehen, dafür sei es zu früh. Kuscheln sei für Säuglinge überlebenswichtig wie Essen und Schlafen. «Hey, vor sieben Tagen war er noch in deinem Bauch, umgeben von Magen und Herzgeräuschen – mehr Nähe geht nicht», sagt sie. «Und jetzt soll er plötzlich schon allein schlafen? Er will bei euch sein.» Die Eltern hören konzentriert zu, sie wollen alles richtig machen. «Geniesst doch das Kuscheln mit ihm, solange er noch so klein ist. Es ist ja nur eine kurze Zeit.» Manuela Steiner lacht: «So, das war ein kleiner Vortrag.»

Das erste Bad: Babys sind nicht gern nackt

Nun darf Liam zum ersten Mal baden. Die Hebamme erklärt, dass Säuglinge lieber einen Schutz um sich hätten, als ganz nackt zu sein. Darum wickelt ihn sein Papa in ein dünnes Tuch, bevor er ihn ins Wasser hebt. Sorgfältig werden Fingerchen und Füsschen gewaschen. «Ich glaube, das gefällt ihm», sagt Manuela Steiner. Danach trocknet sie den Säugling ab und zeigt, wie man ihn mit einem gezielten Griff an Hüfte und Ärmchen auf den Bauch umlagert. Die Mutter cremt ihn ein. «Das ist Wellness, gell Liam? Dein Mami macht das ganz toll», sagt Steiner zum Säugling, der wohlig-zufrieden schaut.

Manuela Steiner geht einfühlsam und wohlwollend auf Mutter und Kind ein – immer wieder auch mit einer Prise Humor. «Schaut, wie gut ihr den Kleinen schon lesen könnt, dabei ist er erst sieben Tage alt!» Die Eltern lächeln verlegen, freuen sich übers Kompliment. Manuela Steiner plaudert oft mit den Babys. «Aber es versteht uns doch noch gar nicht!» sagen viele Eltern. «Doch», sagt die Hebamme dann, «es versteht dich. Es lauscht dem Singsang deiner Stimme und merkt, ob du entspannt bist oder gestresst. Es versteht anfangs vielleicht nicht die Bedeutung deiner Worte, doch es versteht, was dahinter steht.» Und deswegen sei es auch so wichtig, mit dem Baby zu reden.

Je selbstbewusster die Frau, desto besser für ihre Familie

«Als Hebamme bin ich ein Vorbild für die Eltern», erzählt uns Manuela Steiner bei einer Kaffeepause. Über das Reden mit dem Baby versuche sie auch, das Selbstbewusstsein der Mutter zu stärken. Etwa wenn sie sagt: «Schau, wie gut dein Mami das macht.» Viele Frauen hätten Selbstzweifel. Sie nehmen die Schuld auf sich, wenn das Kind nicht so zunimmt, wie zu erwarten wäre.

«Ich sehe es als meine Aufgabe als Fachfrau, den Frauen Mut zu machen.»

Es gebe viele Leute, die Eltern ungefragt Tipps geben und sie damit verunsichern. «Du bist 24 Stunden am Tag mit deinem Kind zusammen, du kennst es am besten», sagt die Hebamme dann. Wenn eine Mutter Selbstvertrauen habe, profitiere die ganze Familie davon. «Habt ihr noch Fragen?», sagt sie zu Liams Eltern. Auf ihren Wunsch hin zeigt sie ihnen, wie der Kinderwagen funktioniert. Maggie sagt, dass sie im Internet ein Tragetuch bestellt habe. Die Hebamme könnte ihr da noch ganz viel dazu erzählen – tut sie aber nicht. Sie will nicht zu viel Infos aufs Mal vermitteln. Vielmehr ermutigt sie Maggie, sich zu schonen und ungeniert ein Nickerchen zu machen, wenn ihr danach ist.

«Viele Frauen glauben, dass sie nach der Geburt gleich wieder funktionieren müssen.»

Weit verbreitet sei auch die Vorstellung, das Baby solle durchschlafen. Ein Unfug: «Die Natur hat es so eingerichtet, dass das Baby alle drei bis vier Stunden essen muss. Sein Magen ist noch winzig.» Und es sei ganz schön viel Arbeit, dem Nachwuchs sechs bis zwölf Mahlzeiten am Tag zu verabreichen.

Wenn Väter eifersüchtig werden

Manchmal wird die Hebamme auch zur Paartherapeutin. Steiner erzählt von einem Elternpaar Anfang Zwanzig, das sie betreute. Die Mutter kuschelte nur noch mit dem Baby. Da wurde der Vater eifersüchtig und drängte sie zu Sex. Die Hebamme intervenierte: «In den ersten sechs Wochen nach der Geburt sollte deine Frau keinen Sex haben.» Oft habe die Frau mehrere Monate keine Lust, weil beim Stillen das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet wird, womit ihr Bedürfnis nach Nähe bereits ausreichend gestillt ist. «Wenn ein Kind da ist, verändert sich die Beziehung und die Eltern müssen den Weg zum Paarsein erst wieder finden», sagt Manuela Steiner, die auch in Sachen Verhütung berät. Denn auch wenn die Frau nach der Geburt noch keine Menstruation hat und stillt, kann sie wieder schwanger werden.

Ein kraftvoller Akt

Und obwohl das Thema Geburt Manuela Steiner tägliches Brot ist, staunt sie jeden Tag aufs Neue – über das «Wunder, das der Körper der Frau leistet.» Die Geburt sei ein enorm kraftvoller Akt, sagt die zweifache Mutter. Bei der Niederkunft ihres ersten Kinds glaubte sie, dass sie nicht lebend daraus herauskommen würde. Danach wusste sie: «Wenn ich das geschafft habe, dann schaffe ich auch alles andere im Leben.» Denn auch in der Erziehung komme man immer wieder an den Punkt, an dem man denkt: Es geht nicht mehr weiter. So fühlt sich auch manch eine Mutter, die verzweifelt auf Manuela Steiner wartet, mit dem Schreibaby im Arm. Wenn die Hebamme nach einer Stunden wieder geht, ist die Frau meist entspannt und gelöst. «Das sind die schönen Momente in meinem Beruf», sagt Manuela Steiner.

Manuela Steiner bricht auf zur nächsten Wöchnerin. (Bild: Benjamin Manser)

Manuela Steiner bricht auf zur nächsten Wöchnerin. (Bild: Benjamin Manser)

Hebammen klären Frauen über ihre Rechte auf

Die Hebamme ist mehr als eine Geburtshelferin: Sie ist Expertin für die gesamte Schwangerschaft und das Wochenbett bis zum Ende der Stillzeit. «Wir zeigen den Frauen zudem auf, wie sie zu ihren Rechten kommen», sagt Andrea Weber, Geschäftsführerin des Schweizerischen Hebammenverbands. Zum Beispiel haben Mütter das Recht auf Wahlfreiheit, wo sie gebären wollen – ob im Geburtshaus oder im Spital. Eine Frau habe zudem das Recht zu wissen, welche Handlungen die Hebamme unter der Geburt wann und warum an ihr vornimmt und ob es Alternativen gibt. Die Hebamme erkundigt sich auch nach der Arbeits- und Wohnsituation. Sie leitet Familien oft an Fachstellen weiter – etwa in Sachen Arbeitsrecht. Manchmal ist auch eine Budgetberatung nötig. «Aufklärung braucht Zeit – aber an dieser wird wieder gespart. Das ist unser Dilemma», sagt Geschäftsführerin Andrea Weber. In der Schweiz bieten rund 3700 Hebammen ihre Dienste an, 3200 sind im Schweizerischen Hebammenverband organisiert. Der Internationale Tag der Hebamme am 5. Mai soll die Solidarität zwischen Hebammen und Frauen auf der ganzen Welt zum Ausdruck zu bringen. Er steht in diesem Jahr unter dem Motto «Frauenrechte stärken». «Es ist eine Zäsur im Leben jeder Frau, wenn sie ein Kind bekommt, beruflich wie privat», sagt Andrea Weber. «Eine starke Lobby fehlt uns Hebammen ebenso wie Müttern und Kindern.» (mem)

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