Kurioses Schloss Weikersheim

Der Zauber von Natur und Kultur, von Gegenwart und Vergangenheit liegt über dem Taubertal südlich von Würzburg. Nach 130 Flusskilometern mündet die Tauber bei Wertheim in den Main, dieser später in den Rhein.

Marlies Strech
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Der Barockgarten von Schloss Weikersheim: Blick zur Orangerie vom Gartenflügel aus. (Bild: Marlies Strech)

Der Barockgarten von Schloss Weikersheim: Blick zur Orangerie vom Gartenflügel aus. (Bild: Marlies Strech)

Von der Quelle bis zur Mündung der Tauber reiht sich ein sehenswerter Ort an den andern. Zum Beispiel das international beliebte Touristenstädtchen Rothenburg mit Altstadt und Befestigungsanlage aus dem Mittelalter. Oder Bad Mergentheim mit Deutschordensschloss und Museen, dazu einem riesigen Kurpark samt Heil- und Freizeitbädern. Oder Wertheim mit seiner Burgruinen-Kulisse hoch über der Stadt und mit der nahen Klosteranlage Bronnbach, heute zum gefragten Kultur- und Tagungszentrum geworden.

Auch Gerlachsheim, Tauberbischofsheim und diverse andere Städtchen sind stolz auf ihre Marktplätze mit Fachwerkhäusern, Schlössern, Kirchen, Gärten oder allem zusammen. Letzteres gilt etwa für Weikersheim, einst Residenz eines Seitenzweigs der Hohenlohe. Lustvoll durchstreifen wir das aus einer mittelalterlichen Wasserburg hervorgegangene Renaissanceschloss samt Barockgarten.

Die Stosszähne des Elefanten

Viele Merkwürdigkeiten im Schloss gehen auf Graf Wolfgang II. von Hohenlohe-Weikersheim (1546–1616) zurück. Neben bunten Kassettendecken fallen dreidimensionale Figuren ins Auge, die überall aus den Mauern herauswachsen. Wie sind sie entstanden? Zunächst wurde eine Mischung aus Gips, Kalk, Knochenleim und Tierhaaren auf die Wände gepappt. Dann folgten sogenannte Kalkschneidearbeiten und Bemalung. Der Bildhauer, der diese Technik besonders virtuos beherrschte, hiess Gerhard Schmidt. Er hatte einen Mann erstochen und sollte eigentlich zur Strafe gehängt werden. Doch Graf Wolfgang begnadigte ihn, mit der Auflage langer künstlerischer Zwangsarbeit. Dies und anderes mehr weiss Schlossverwalterin Monika Menth zu berichten, eine quirlige Frau voller Ideen.

Schmidt und seine Mitarbeiter schmückten mehrere Prunkräume und auch die Schlosskirche aus. Den Höhepunkt bildet der Rittersaal mit seinen Tiergestalten an den Längswänden: Hirsche und Rehe, aber auch ein Rentier und ein Bison, aus der beschriebenen Masse geformt, dann mit echten Hörnern versehen. Einen prominenten Platz nimmt eine Elefantenplastik ein. Mangels Elfenbein sind die Stosszähne nicht echt. Und mangels Tierkenntnis des Künstlers wachsen sie dem Elefanten nicht neben dem Rüssel hervor, sondern direkt aus einem volllippigen Maul.

Einfallsreiche Genussmenschen

Graf Wolfgang II. scheint ein kreativer Renaissancemensch gewesen zu sein. Mit seiner ebenso vitalen Frau Magdalena zusammen hatte er nicht nur sechs Söhne und acht Töchter; er betrieb auch Alchimie, während sie die Hofapotheke führte. Sie waren einerseits strenge, beinahe calvinistische Protestanten; anderseits veranstalteten sie gewaltige Festivitäten, zum Beispiel eine 14tägige Taufe, bei der 4487 Personen bewirtet wurden. Vor seinem Tod hob der Graf, seiner Zeit weit voraus, für Weikersheim die Leibeigenschaft auf.

Gnomen im Garten

Das heutige Schloss Weikersheim wirkt munter belebt. Buben und Mädchen rennen herum, als Prinzen und Prinzessinnen verkleidet – Teil eines Sonntagsprogramms für Kinder von sechs bis zehn Jahren. Junge Erwachsene tragen allerlei Instrumente bei sich: Sie besuchen Kurse der Weikersheimer Musikakademie, revanchieren sich dafür mit Konzerten im Schloss oder Park. Mit seinen Alleen, Blumenbeeten, Brunnen, Wasserspielen und einer barocken Orangerie sieht die Gartenanlage wie Klein-Versailles aus. Dann ist man überrascht, neben versteinerten Helden und Göttinnen einer ganzen Galerie von Zwergen zu begegnen. Ihre charaktervollen Gesichter sollen denen damaliger Angestellten von Graf Carl Ludwig von Hohenlohe-Weikersheim (1674–1756) nachgebildet sein. Dieser ehrte seine Bediensteten damit, liess ihnen allerdings kurze Beine geben, denn: «Sie sind von unten und bleiben unten.»

Graf Carl Ludwig erhob Weikersheim zur eigentlichen Residenzstadt. Er liess nicht nur die Gärten planen, sondern auch das Renaissanceschloss weiter ausbauen. Nach dem Tod des Grafen aber verlor Weikersheim immer mehr an Bedeutung. Erst 1967 kaufte das Land Baden-Württemberg die Schlossanlage und erweckte sie zu neuem, prallem Leben.

Inzwischen ist das «liebliche Taubertal» – so der offizielle Werbeslogan – ein vielfältiges Tourismusgebiet geworden. Berühmt sind seine Velo- und Wanderrouten. Ein Radweg führt dem Fluss entlang von der Quelle bis zur Mündung in den Main. Zwischendurch können stramme Sportlerinnen und Sportler in den West- oder Ostring ausscheren, auch Rad-Achter genannt.

Bier und Blutwurst

Oft säumen Rebberge den Weg. Im Taubertal haben sich experimentierfreudige regionale Weinhersteller etabliert. Sie sind so stolz auf ihre Produkte wie die alteingesessenen Bierbrauer. Zu Wein oder Bier werden gerne Vesper-Teller serviert: Berge von Schinken und Aufschnitt, Schwartenmagen und roter fetter Blutwurst. Nicht jedermanns Sache!

Gern lassen wir uns dafür in der Zirbelstube des Viersternhotels Victoria in Bad Mergentheim verwöhnen. Hier schwört man auf Slow Food; Inhaber Otto Geisel ist sogar Chef der um sich greifenden deutschen Slow-Food-Bewegung. Man bevorzugt regionale Produkte aus nachhaltig geführten Betrieben. An diesem Abend geniessen wir einen ausgeklügelten Dreigänger; das Entrée besteht aus geliertem Gemüsesüpplein mit Tatar vom Bachsaibling. Gelobt sei Chefkoch Hubert Retzbach. Er ist seit Jahrzehnten im Victoria tätig und trotz hoher Auszeichnungen bei Michelin und Gault-Millau bescheiden, fast schüchtern geblieben. Und schlank dazu.

Das Schloss mit seinem Herkules-Brunnen. (Bild: Landesmedienzentrale Baden-Württemberg)

Das Schloss mit seinem Herkules-Brunnen. (Bild: Landesmedienzentrale Baden-Württemberg)

Der Elefant des malenden Mörders Gerhard Schmidt. (Bild: Staatliche Schlösser und Gärten)

Der Elefant des malenden Mörders Gerhard Schmidt. (Bild: Staatliche Schlösser und Gärten)

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