Misserfolge
Kunst des Versagens: Übers Scheitern zu reden ist nicht länger tabu

Fehler und Pleiten gehören zum Leben – doch lange war es verpönt, darüber zu sprechen. Seit kurzem aber ist gerade das in Mode: In «Failnights oder «Fuck-Up-Nights» treten Leute auf die Bühne, die etwas mächtig-prächtig gegen die Wand gefahren haben.

Alexandra Fitz
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Warten, warten, warten – bis der Toast schwarz ist. «FailCon»-Veranstalter Kuhn glaubt, dass in der Schweiz zu lange am Unternehmen festgehalten wird.

Warten, warten, warten – bis der Toast schwarz ist. «FailCon»-Veranstalter Kuhn glaubt, dass in der Schweiz zu lange am Unternehmen festgehalten wird.

Thinkstock

Was haben die Beatles, Paypal und Lothar Matthäus gemeinsam? Sie alle sind schon mal gescheitert.

Die britische Band wurde 1962 nämlich von der Plattenfirma Decca erst einmal abgelehnt. (Okay, der Misserfolg geht eher zulasten des Plattenlabels.)

Die Begründung: «Gitarrenbands geraten aus der Mode» (Diese Entscheidung gilt übrigens als eine der grössten Fehlentscheidungen der Musikgeschichte).

Der Erfinder des Online-Bezahlsystems Paypal scheiterte mit seinen ersten vier Unternehmen. Erst Nummer 5 – Paypal – wurde erfolgreich. Na ja, und der Ex-Fussballer Lothar Matthäus lebt in fünfter Ehe – das lässt vermuten, dass es vier Mal blöd gelaufen ist.

Scheitern tun wir alle einmal. Im Kleinen und im Grossen. Misserfolge werfen uns in ein Loch. Das Selbstbewusstsein ist angekratzt. Wie soll es weitergehen? Man will kein Mitleid. Und doch. Man weiss, dass es mit der Zeit besser wird. Vorerst aber will man keine netten Ratschläge, man ist zu beschäftigt sich in Trauer und Wut zu suhlen. Und zu fokussiert auf die Suche nach dem Sinn, denn ihn hat man in Zeiten des Scheiterns verloren.

Fokus auf Misserfolge

Von solchen negativen Lebensepisoden wollen wir nicht erzählen. Eigentlich. Denn plötzlich reden alle darüber. Öffentlich. Es finden immer mehr Events statt, bei denen Leute auf die Bühne treten und vor Publikum über ihr Scheitern sprechen.

Mal von einer miesen Ehe und der darauffolgenden hässlichen Scheidung, mal vom Versagen als Mutter. Aber meistens geht es in den sogenannten «Failnights» oder «FuckUpNights» um berufliches Scheitern. Um Jungunternehmer, die ihr Start-up mächtig-prächtig gegen die Wand gefahren haben. Misserfolge scheinen irgendwie hip zu sein.

Alles begann in Mexiko. Dort tauschten sich Unternehmensgründer und Business-Leute als Erste über misslungene Projekte aus. Mittlerweile gibt es in Europa zahlreiche Veranstaltungen. Auch in der Schweiz fand bereits eine Version der Konferenz «FailCon» mit dem Motto «study their own and others’ failures and prepare for success» und eine «FuckUpNight» statt, bei denen sich mehr als 100 Teilnehmer in Zürich trafen.

Sogar in der Zürcher Hochschule der Künste beschäftigte man sich mit dem Scheitern. Sophie Proché hat in ihrer Abschlussarbeit eine Plakatkampagne gestaltet: Mit einem verbrannten Toast, einem Ei auf dem Boden oder einer leeren Klopapierrolle wollte sie aufzeigen, dass wir im Alltag täglich scheitern. Und, dass es nichts Schlimmes ist, sondern natürlich. Sie selber hatte das Studium unterbrochen, um ein Design-Büro in Wien zu eröffnen. Es klappte nicht. Sie thematisierte ihr Scheitern.

Vom Guten spricht sichs leichter

Welcher Ort könnte prädestinierter sein, um übers Scheitern zu sprechen als das Silicon Valley, der Geburtssaal der Innovation? Denn: Von den meisten Start-ups hören wir nie einen Piepton, sie sterben einen schnellen Tod. Klar, wo viel Erfolg ist, gibt es auch mehr Misserfolg. Und genau die vielen jungen Start-up-Anwärter, die sich im Valley tummeln, können ein wenig moralische Unterstützung brauchen. In den letzten Jahren wurde die Region um San Francisco zum Ground Zero für den kulturellen Trend: Lasst uns das Scheitern feiern!

Woran liegt es, dass in Amerika offener übers Scheitern gesprochen wird? An der Mentalität, sagt Johannes Czwalina, der in Basel Berater für Führungskräfte ist. Auch wenn man viel Negatives über die Amerikaner sage, dass sie offen über das Scheitern sprächen, sei positiv: «Ihre Jobmentalität ist härter, dafür aber klarer.» Wir Europäer sind demütiger, reden nicht gerne über Misserfolge. «Der Schweiz fehlt die Fehlerkultur», das sagte Marcus Kuhn, Mitgründer der Schweizer «FailCon»-Veranstaltung und selbst «Gescheiterter», in einer Fachzeitschrift.

Laut Kuhn wird hierzulande tendenziell zu lange am Unternehmen festgehalten. Ausserdem werde in der Innovations-Szene zu engstirnig gedacht: «Wir sind in einem kleinen Land mit einem kleinen Markt. Es wird eben auch klein gedacht. Das ist ein grosses Problem.»

Wir erzählen eher davon, wenn wir etwas gut gemacht haben. Dann schmücken wir das «Wie» in bunten Farben aus. Den Erfolg schreiben wir natürlich auf unsere Karte. Fehler aber suchen wir meist bei den anderen. Und wenn diese anderen scheitern, dann reden wir natürlich darüber. Ob aus Mitleid oder Schadenfreude. «Wenn dein Pferd tot ist, dann steig ab», lautet eine indianische Weisheit. Und wenn man die Niederlage dann endlich erkennt, ist das Pferd schuld oder der Sattel, aber nicht der Reiter.
Die Organisatoren der Misserfolg-Events haben es satt, dass nur über Positives berichtet wird, dass man sich stets im besten Licht darstellen will. Schliesslich lernt man mehr, wenn man sieht, was eben nicht funktioniert. Im Publikum sind junge Menschen, die hören wollen, wie sie es nicht machen sollen. Sie wünschen eine Mutspritze.

Scheitern bringt Innovation

Im Volksmund heisst es «aus Fehlern lernt man» und «an Niederlagen wächst man». Scheitern ist hart, niemand tut das gerne. Aber man kann es auch lernen. Niederlagen einigermassen gut wegstecken zu können, war in der Arbeitswelt immer schon wichtig.

Aber heute wechseln wir den Beruf öfter, müssen flexibler sein, Neues lernen. Das Gute: Wir können unser Arbeitsleben nun selber zurechtpuzzeln. Das Schlechte: Mit wechselnden Jobs steigt die Fehlerquote. «Wir haben schneller Erfolg und scheitern schneller. Das ist ein Nebenprodukt unserer heutigen Wirtschaft», sagt Führungsberater Czwalina. Doch Krisen seien eine Chance. «Das Wichtigste ist das Loslassen. Nur so kann man das Neue positiv annehmen.» Fehltritte sind nötig. Denn sie sind immer auch ein Neuanfang. Und damit der Nährboden der Innovation. Ist der erfolgreiche Berater denn selber schon einmal gescheitert? «Nicht nur einmal. Ich bin mit meiner Ehe gescheitert und bei beruflichen Ideen.» Krisenmomente haben Czwalina weit mehr gebracht. Er habe sehr viel über sich gelernt, etwa wie wichtig Authentizität ist.

Gescheiterte – ob auf der Bühne oder nicht – berichten meist erst vom Scheitern, wenn sie selber wieder erfolgreich sind. Die Rehabilitation macht es leichter, vielleicht bedingt sie gar den öffentlichen Auftritt. Auch der Wirtschaftspsychologe Christian Fichter findet es gut, dass man von dem, was andere falsch gemacht haben, lernt.

Das sei eine Art Weiterbildung.

Er nervt sich aber über die derzeit oft verbreitete Ansicht «Grandios scheitern gehört zur Karriere dazu» – importiert aus Amerika. Scheitern werde in Unternehmerkreisen oft als Rechtfertigung für zu wenig Sorgfalt genommen.

«Es ist nicht okay, ständig zu scheitern», sagt Fichter. Man solle gefälligst versuchen, Fehler zu verhindern. Sein Plädoyer: Vor dem Scheitern sollte man sich anstrengen. Oder wer sich anstrengt, darf auch scheitern.

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