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Kolumne

Krankhaft gesund

Warum machen wir uns so einen Stress mit dem Essen? Und rennen dem Allerbesten vom Besten nach? Dahinter könnte etwas ganz anderes stecken, vermutet unsere Sonntagskolumnistin.
Claudia Lässer
Claudia Lässer, Programmleiterin Teleclub

Claudia Lässer, Programmleiterin Teleclub

Als ich aufgewachsen bin, gab es die Migros und den Coop, und dort gab es Nahrungsmittel. Das Fleisch war im Fleischregal, der Käse im Käseregal und ein Käse war ein Käse, vom Appenzeller bis zum Emmentaler. Heute gibt es für jeden Höhenmeter Unterschied, auf dem ein Käse gereift ist, ein eigenes Label und vielleicht bald ein Bild der Kuh auf der Etikette, deren Milch in dem Käse ist. Bio gab’s nur in jenen Läden, wo Flöte spielende Lehrerinnen hingingen und man diese komische, richtige Nahrung kaufte, die von der Sonne reifgeküsst und nicht vom Tanker reifgespritzt wurde.

Es einfach mal gut sein lassen

Wir kümmern und sorgen uns so sehr darum, was wir essen, dass der Ausdruck «Orthorexia nervosa» geboren wurde, der das Krankheitsbild einer Essstörung beschreibt, «bei der die übermässige Beschäftigung mit der Qualität der Lebensmittel zu psychischen oder physischen Beeinträchtigungen führen kann». Das in Anführungszeichen ist von Wikipedia, ab jetzt übernehme ich wieder.

Wehe, das Kind isst nicht Bio. All die Nährstoffe und potenziellen Giftstoffe. Gerade im Wachstum. Unglaublich aufpassen muss man da.

Aber ich kenne wenige Eltern, die das tatsächlich durchhalten. Es ist unglaublich anstrengend.

Aber warum wird man überhaupt so? Warum messen immer mehr Menschen der Qualität des Essens einen so hohen Stellenwert bei? Die Motivation scheint offensichtlich und lobenswert. Aber warum übertreiben wir es so?

Jeden Abend Magerquark

Ich glaube, wir können es wieder einmal nicht einfach gut sein lassen. Wir müssen einem Ideal nachrennen. Einen Gott haben die meisten nicht mehr, die Karriere ist gemacht, der Mercedes steht vor der Türe, das Geld kommt. Und kaum ist alles gut, zwickt es irgendwo. Dass es einfach mal gut ist, ist einfach nicht gut genug. Lieber einem noch Besseren besser nachrennen. Wie gesund wollen wir denn sterben?

Ist das Gesündeste nicht der Genuss, der auch noch der Seele guttut?

Ist es nicht gesünder, einmal pro Woche eine Portion Pommes zu geniessen, als voll gefrustet jeden Abend Magerquark zu löffeln?

Bessere Nahrung, bessere Leistung?

Es ist sicher gut zu wissen, wo was herkommt, und es ist gut, dass Lebensmittel natürlich gewachsen sind. Das sollte eigentlich normal sein. Aber die Superfood-Welle und die Unter­teilung in gutes und schlechtes Essen hat schon leicht etwas Sektiererisches. Warum machen wir uns diesen Stress überhaupt. Ist es ein Wettbewerb? Bessere Nahrung, mehr Leistung? Schliesslich landen wir doch immer beim Gleichen: ausgewogen essen, genug schlafen, Bewegung und – kein Stress. Denn Stress schwächt nachweislich das Immunsystem.

Die Angst vor dem Altern

Aber wenn wir so viel Energie aufwenden, das ­Beste vom Allerbesten zu finden, und unsere Körper fast schon vergöttern, vielleicht liegt da ja etwas anderes dahinter. Die Angst vor dem Altern. Der Horror vor den Falten, der schwindenden Spannkraft, vor den immer weniger werdenden Lebensjahren. Es gibt einfach nicht so viele Antioxidantien, als dass man diesen Prozess aufhalten könnte. Natürlich, man will die Jahre gut überstehen. Aber sich so einen Stress zu machen, vernichtet die Jahre, auf die wir später zurückschauen.

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