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Krank durch Kränkung

Menschen mit einer Verbitterungsstörung sind häufig über lange Zeiträume arbeitsunfähig. Im Gegensatz zu einer Depression zeigen sie starke Gefühle, vor allem Wut. Beruhigungsmittel nützen nichts. Mit einer Weisheitstherapie kann ihnen Schritt für Schritt geholfen werden.
Helga Kessler
Wird ein Ereignis als ungerecht, beleidigend oder demütigend erlebt, kann daraus eine schwere Verbitterung entstehen. (Bild: ky/Walter Bieri)

Wird ein Ereignis als ungerecht, beleidigend oder demütigend erlebt, kann daraus eine schwere Verbitterung entstehen. (Bild: ky/Walter Bieri)

Die deutsche Einheit vor zwanzig Jahren hat uns eine neue Krankheit beschert: die sogenannte Verbitterungsstörung. Dem Psychiater Michael Linden von der Charité in Berlin fiel auf, dass viele seiner Patienten nach dem Zusammenbruch der DDR krank geworden waren. Weil es dadurch zu Brüchen in ihren Biographien kam – einst sozial wichtige Personen fanden sich plötzlich als Taxifahrer auf der Strasse wieder –, verharrten sie in Kränkung, Wut und Hoffnungslosigkeit. «Um das Jahr 2000 beobachteten wir gehäuft solche Fälle», sagt Linden.

Ein schwerwiegender Verdacht

Die Verbitterungsstörung ist jedoch «keine ostdeutsche Krankheit», betont er. Vorläufige Untersuchungen zeigten, dass etwa drei Prozent der Bevölkerung darunter litten. Ein typisches Beispiel: Ursula W. sass 22 Jahre lang an der Kasse im Supermarkt. Sie liebte ihren Job, war stets bereit, Überstunden zu machen und stolz auf ihr gutes Verhältnis zu Chef und Kolleginnen. Dann wurde sie vor aller Augen vom Hausdetektiv beschuldigt, gestohlen zu haben.

Noch am selben Tag erhielt sie die Kündigung. Keine der Kolleginnen setzte sich für Ursula W. ein.

Monate später – W. ist Patientin in einer Rehaklinik – schildert sie das Erlebte einer Psychiaterin und zeigt dabei, wie wütend und verärgert sie noch immer ist. Die Kränkung hat sie krank gemacht. Sie ist aggressiv, dann wieder niedergeschlagen und mutlos, sie schläft schlecht, fühlt sich kraftlos und geht kaum noch aus dem Haus. W. zeigt die typischen Symptome der Verbitterungsstörung.

Demütigende Situationen

Auch andere Ereignisse wie Kündigung, Scheidung oder Verlust eines nahen Menschen können als kränkend erlebt werden. Aussergewöhnliche Situationen, die aber zum Leben gehören, werden als Demütigung empfunden, erklärte Lindens Kollegin Barbara Lieberei-Schippan unlängst an einem Symposium der Privatklinik Hohenegg in Meilen ZH. Bei den Betroffenen seien zentrale Wertvorstellungen verletzt. Als Folge verharrten sie in der Verbitterung.

Erste Daten zeigten, dass Patientinnen und Patienten mit dieser Störung länger arbeitsunfähig bleiben als Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen. Dabei sind sie eher «antriebsunwillig» als «antriebsgehemmt», wie das etwa bei einer Depression der Fall ist. Und anders als Menschen mit einer Depression zeigen sie starke Gefühle, vor allem Wut. Beruhigungsmittel helfen nicht, die Wirkung von Antidepressiva ist nicht untersucht.

«Als wir anfingen, uns mit diesen Patienten zu befassen, hatten wir den Eindruck, keinen therapeutischen Zugang zu ihnen zu finden», erinnert sich Michael Linden. Erst mit der sogenannten Weisheitstherapie habe man diesen Patienten helfen können. Erste Studien zur Wirksamkeit zeigten «ermutigende Ergebnisse»: Ein Teil der Betroffenen wird wieder gesund, ein weiterer macht «erfreuliche Entwicklungen».

Quälende Erinnerungen

Die Weisheitstherapie soll den verbitterten Patienten helfen, Distanz zur Kränkung zu bekommen. Dabei wird Weisheit als Selbstsicherheit definiert im Umgang mit schwierigen Fragen des Lebens – etwa bei der Lebensplanung, -gestaltung und -deutung –, die zur Bewältigung schwieriger und unlösbarer Probleme dient. Gerade wenn jemandem Ungerechtigkeit und Herabwürdigung widerfahren ist, fällt es schwer, davon loszukommen. Man wird ständig von Erinnerungen an das Vorgefallene gequält.

In der Psychotherapie werden mit den Patienten «Weisheitskompetenzen» erarbeitet. Dazu gehört die Fähigkeit, sich selbst und andere aus der Distanz zu betrachten und kurz- und langfristige Konsequenzen gegeneinander abzuwägen. Linden und seine Kollegen haben hierfür ein Vorgehen entwickelt, bei dem Patienten solche Fähigkeiten zunächst an hypothetischen Fällen mit komplexen Lebensproblemen üben.

Etwa den klassischen Fall einer Frau, die sich für Mann und Kinder «aufopfert» und dann für eine jüngere Frau nicht nur verlassen wird, sondern auch noch den Vorwurf bekommt, sie habe sich beruflich nicht weiterentwickelt. Mit Unterstützung des Therapeuten üben die Patienten, sich in alle Beteiligten hineinzuversetzen oder zu beurteilen, welches Verhalten schadet und welches hilft.

Gelingt es den Patienten, in die Haut der anderen zu schlüpfen, schaffen sie «den Transfer auf ihr eigenes Problem meist alleine», sagt Lieberei-Schippan. Allerdings sei der Weg dorthin «schwierig und lang».

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