Krallen zeigen

Was geht in den Köpfen der schwarzen Jugendlichen aus der Banlieue vor? Wilfried N'Sondé erzählt es in seinem Buch «Das Herz der Leopardenkinder».

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«Als Kinder sind Drissa und ich immer in die Bäckerei des Viertels gegangen, die Verkäuferin hat uns angelächelt, wie süss sie sind mit ihren Löckchen, Streichelbäckchen, Krausköpfchen, und uns Naschwerk geschenkt. (…) Erst später, mit dreizehn, vierzehn, wurden wir Fremde, Verbrecher, <Integration>, <Immigration>, Illegale, Toleranzschwelle in politischen Programmen.» Es sind die «Leopardenkinder» aus den Vorstädten von Paris. Wilfried N'Sondé ist eines von ihnen: 1968 in Brazzaville (Kongo) geboren, kam er als Fünfjähriger nach Paris und wuchs in den Wohnsilos zwischen Autobahn und RER auf.

Unter die schwarze Haut

N'Sondé schaffte es an die Sorbonne und studierte Politologie. Heute macht er Afro-Punk, arbeitet in Berlin mit sozial benachteiligten Jugendlichen und reist mit seinem ersten Roman, für den er den «Prix des cinq continents de la Francophonie» und den Senghor-Preis gewonnen hat, durch Europa und Afrika. «Afrika spielt auf unserer schwarzen Haut», schreibt er; in seinem Buch «Das Herz der Leopardenkinder» aber blickt er unter die Haut, ins Hirn und ins Herz der afrikanischen Migranten.

Bewusstlos

Der Ich-Erzähler sitzt auf der Polizeiwache, besoffen und bekifft. Im Versuch, sich an seine Tat zu erinnern kommt zuerst alles andere hoch: Die Freundschaft mit Drissa, der in der Psychiatrie vor sich hin dämmert; seine grosse Liebe zu Mireille, die ihn verlassen hat, um den gesellschaftlichen Aufstieg zu schaffen; das Verwahrlosen der Familien in der Nachbarschaft und das Abdriften seiner Kumpel in Schlägereien, Diebstahl und Drogen. Und schliesslich auch die afrikanischen Ahnen und die ganze Kolonialgeschichte: «Wir lernten erst zu bitten, dann zu fordern, und heute sind wir endlich ein Volk von kläglichen Bettlern mit ständig ausgestreckter Hand.»

N'Sondé klagt nicht an und er rechtfertigt keine Gewalt. Er folgt dem taumelnden Bewusstseinsstrom eines Mannes, der kaum noch Bewusstsein für sich selber hat. Diese Prosa ist hochmusikalisch, oft stakkatohaft wie ein Rap. Und dabei hammerhart. «Die Realität ist noch viel schrecklicher», sagt N'Sondé. Trotzdem endet sein Buch mit einer hoffnungsvollen Vision: dem grossen Spagat über die Kontinente, die Welten und die Zeit, «das ist die hohe Kunst von morgen.» (eba)

Wilfried N'Sondé: Das Herz der Leopardenkinder. Kunstmann, München 2008, Fr. 27.90 Lesung (französisch/deutsch): Mi, 1. April, 18.30 Uhr, Freihandbibliothek, St. Gallen

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