Kräftefelder

Vincent van Gogh kennt jeder. Doch die 70 Landschaften, die im Kunstmuseum Basel zusammengetragen sind, bieten Erlebnisse unbekannten Ausmasses. Ursula Badrutt Schoch

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Mai 1888: «Blick auf Arles mit Iris im Vordergrund».

Mai 1888: «Blick auf Arles mit Iris im Vordergrund».

Es gibt kein Entrinnen. Dass diese Feststellung vor den Bilder van Goghs (1853–1890) Glücksgefühle auslöst, tönt paradox; so paradox wie die beliebteste Künstlerlegende sich anhört zwischen Verkennen und Weltruhm, Hingabe und Selbstzerstörung, Einsamkeit und Popularität. Es gibt kein Entrinnen, denn der Himmel ist hinter dem Blattwerk versteckt. Tief tauchen wir ein in das Dickicht am «Seineufer im Frühling am Pont de Clichy».

Die Nase fast am Boden glaubt man, den Duft von üppigem Graswuchs zu riechen, Blütenstaub zwickt in der Nase. Die Sinne überschlagen sich. Das Bild ist Teil der im Kunstmuseum Basel erstmals zur Trilogie gefügten Bilder «Seineufer in Clichy».

Im Dickicht der Gefühle

Es gibt kein Entrinnen aus dem «Getreidefeld mit Mohnblumen und Rebhuhn». Zwar flattert der Vogel erschreckt auf und sucht das Weite, zwar nimmt der Himmel fast die Hälfte des Bildes ein. Doch die dicht ineinander verzahnten Pinselhiebe halten dicht. Und die unendlichen Variationen von Grüntönen lassen ohnehin keinen Grund zum Gehen stehen.

Es ist dieses seltsame Gefühl, Teil des Bildes zu werden, trunken durch die sich windenden Reben zu stolpern, weinselig im Rebberg des Herrn Wurzel zu werden und nichts anderes zu wollen.

Erst recht gibt es kein Entrinnen aus Bildern wie «Zypressen» und «Olivenbäume», diese Ikonen aus der Zeit, als van Gogh sich nach dem psychischen Zusammenbruch im Winter 1888/89 nach Saint-Rémy in die Heilanstalt hat einweisen lassen. «Olivenbäume und Zypressen sind selten gemalt worden», schreibt der Künstler. «Ich glaube, so etwas müsste sich in England verkaufen können.» Immerhin sei er fast sicher, von Zeit zu Zeit etwas Erträgliches zustande zu bekommen. Doch Zweifel und Selbstzweifel haben letztlich gesiegt.

Die Anstaltsmauer setzt dem Wogen der schweren Ähren, durch die der Schnitter streift, Grenzen. Die vibrierende Energie dahinter läuft weiter, erfasst Bäume, Felstürme, die Sonne – die Betrachtenden. Sinnstiftend wie die Feldarbeit ist van Goghs Malerei zu verstehen, energetisch, ertragreich. Die Ausstellung in Basel, chronologisch übersichtlich gegliedert, liefert die Beweise.

Zwischen Erde und Himmel

Die Farbpalette hellt auf von Erdigem zu Lichtdurchflutetem, Flächiges wird von Vibrierendem abgelöst. Vor den Originalen wird klar, dass bereits in Holland die Kraft der Farbe im «Blumenbeet» oder das Weiss im Himmel über dem «Paar bei der Feldarbeit» freigesetzte Energien sind, im Bestreben, eine radikal neue Freiheit in der Malerei zu erreichen. Dazu musste Vincent van Gogh symbiotisch mit der Natur verwachsen. Die radikale Freiheit ist das bildfüllende Allover-Gewebe, die flirrenden Mauern, das Eingeschlossensein, hervorgebracht aus den Gefühlen von Einsamkeit.

In den grossartigen Landschaftsbildern glaubt man heute die Erlösung zu spüren. Nicht um Abgrenzung geht es, sondern um Verbindungen, die weit mehr als drei Bilder umfasst. Es gibt kein Entrinnen, weder vor der Hingabe vor van Goghs Bildern, noch vor dem Tod. Van Gogh wusste das.

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«So etwas wird sich verkaufen», hoffte Vincent van Gogh von seinen Zypressen im Juni 1889. (Bilder: Kunstmuseum Basel)

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April 1883: «Blumenbeete in Holland».

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Mai/Juni 1888: «Fischerboote bei Saintes-Maries-de-la-Mer».

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Juni 1888: «Ernte in der Provence».

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