Obsession
Kontrolle und Kraft: Die Schneeschleuder weckt den Mann in dir

Warum der Griff zu Schneeschaufel oder zur Schneefräse aus Burschen kompromisslose Männer macht. Beobachtungen bei Berglern und Flachländern.

Daniel Fuchs
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Noch vor dem Morgengrauen holen die Tüchtigen die Faulen aus dem Schlaf. Leise rieselt der Schnee, laut kratzt Aluminium über Stein. Sogar im Flachland ist das Geräusch unüberhörbar. Der Nachbar stösst mit seiner Schneeschippe die dünne Schneeschicht über seine Einfahrt. In geraden Bahnen. Als würde er einen Rasenmäher vor sich herstossen. Und das auch dann, wenn mittags die weisse Pracht längst weggeschmolzen sein wird.

Fällt über Nacht Schnee, schlagen Männerherzen höher. Dann gibt es kein Halten mehr: Die dicken Kleider montieren, in die schweren Stiefel steigen und die Mütze tief ins Gesicht ziehen – noch vor Tagesanbruch soll die Hauseinfahrt befreit sein. Schliesslich ist es Bürgerpflicht. Genauer gesagt: Hauseigentümerpflicht.

Zieht sich jemand wegen nicht sachgerechter Schneeentsorgung einen Schaden zu, so haftet der Grundeigentümer. Rutscht er aus, wird er von einer Dachlawine oder einem herabstürzenden Eiszapfen getroffen, so kann es teuer werden. Also lieber nichts anbrennen (oder in diesem Fall anfrieren) lassen und schnell weg mit dem weissen Zeug.

Ein Initiationsritual

Männer tun das mit Überschwang. Manche so sehr, dass sie dabei ihre physische Verfassung vergessen. Ihre Körper sind besser an Bürostühle gewöhnt als an Kälte und die anstrengende Schaufelarbeit. Schneeschaufeln ist aber nicht selten der einsame sportliche Höhepunkt für Familienväter, Vollzeitbeschäftigte und Rentner. Mit einem gefährlichen Resultat: Wer unsportlich ist, älter als 60 und mit übertriebener Inbrunst ans Werk geht, dem drohen ernsthafte gesundheitliche Schäden. Das Berner Inselspital untersuchte Patientendaten und fand heraus: Schneeschaufeln führt zu Zerrungen und sogar zum Herzinfarkt.

Da haben es die Bergler schon besser. Wo es oft und viel schneit, steht neben der Schneeschaufel meist eine Schneefräse. Jedem Bergler seine Schleuder – die Schneeräumung wird zur Obsession. Stolz werden die exakt geräumten Einfahrten und Zufahrten den Spaziergängern präsentiert. In den Bergen wird der Reifegrad eines Buben mit dem Zeitpunkt bestimmt, ab dem dieser den Schnee vor dem Haus wegräumen darf.

Schneeschippen als Initiationsritual – macht eine Schneeschaufel das Bürschchen zum Mann, macht eine Schneeschleuder aus diesem einen Lumberjack. Denn Schneefräsen beinhaltet alles, was das Mannsein ausmacht: den Elementen trotzen, dem Rattern der Benzinmotoren zuhören und handwerkliches Geschick beweisen. Den Schnee darf Mann weder auf die Gemeindestrasse noch aufs Trottoir schleudern. Laut Gesetz auch nicht auf das Grundstück des Nachbarn. Schneeschleudern will gelernt und wohlüberlegt sein.

Rund 1800 Schneefräsen verkauft die landwirtschaftliche Genossenschaft Landi jedes Jahr in ihren 280 Filialen, die vor allem in den ländlichen Gebieten stehen. Tendenz steigend. Seit drei Jahren wächst der Verkauf laut Landi-Angaben im zweistelligen Prozentbereich. Bei den Schneeschaufeln und Schneeschiebern sind es sogar 75'000 pro Jahr.

Die Fräsen stehen in den Kellereingängen und Garagen landauf, landab. Und die stolzen Besitzer der von wenigen hundert bis mehreren tausend Franken teuren Geräte warten nur darauf, den Choke-Knopf zu drücken und die Zweitakter zu starten. Einen Stumpen im Mundwinkel, die Mütze auf dem Kopf, planieren sie der Zivilisation ihren Weg. Schneefräsen ist ein ebenso einsamer Job wie Schneeschaufeln. Dabei aber gleich reinigend für den Vorplatz wie für den Geist.

Kompromissloses Schneeräumen

Der US-amerikanische Kulturhistoriker Bernard Mergen identifizierte bei seinen Landsleuten einst einen regelrechten Kult des Schneeschaufelns. Im Alltag mögen sie Schreibtischtäter, Anwälte oder Lehrer sein, bei Schnee werden sie zu Trappern und Pionieren, die den Elementen trotzen und ihre Familien vor der Urgewalt bewahren.

Nicht anders ist es in der Schweiz: Wer seine eigene Zufahrt nicht vom Schnee befreit bekommt, bittet nur ungern den Nachbarn um Hilfe. Denn dieser würde den Wunsch nur allzu gerne erfüllen. Nur: Welcher Mann will schon sein Gesicht verlieren, wenn er den Schnee nicht alleine wegbekommt?

Bei den Norwegern, die uns Schweizern gar nicht so unähnlich sind, müssen die einsam verstreuten Bewohner oftmals nicht nur den eigenen Vorplatz, sondern ebenso eine Landstrasse freipflügen. Aber wehe, wenn der Mann hinter der Maschine die Kontrolle verliert.

Der Film «Kraftidioten», der letzthin auch in Schweizer Kinos lief, macht das zum Thema: Es geht um einen Norweger, der seinen Sohn an die Drogen verliert und auf Rache sinnt. Er bringt alle um, die mit dem Tod des Sohns zu tun haben: «Einer nach dem anderen», wie der Film übersetzt heisst.

Die Tatwaffe des kompromisslosen Norwegers? Seine Schneeschleuder.

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