Kompostieren ist nicht immer grün – für T-Shirts, Trinkbecher und biologisch abbaubare Kaffeekapseln ist der Abfalleimer umweltfreundlicher

Biologisch abbaubare Kunststoffe und Textilien können zwar in professionellen Kompostieranlagen verrotten, doch der Umwelt bringt das nichts. Im Kehricht bringen sie dagegen bei ihrer Entsorgung einen Nutzen.

Niklaus Salzmann
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Das T-Shirt im Garten zu vergraben, ist für die Natur nicht die beste Lösung.

Das T-Shirt im Garten zu vergraben, ist für die Natur nicht die beste Lösung.

Bild: Eveline Beerkircher

Es tönt nach einem perfekten Kreislauf: Einweggeschirr, T-Shirts, Nespressokapseln, die aus Pflanzen gefertigt werden und am Ende ihres Lebens auf dem Kompost landen. Sie zerfallen zu wertvoller Erde, aus der alsbald wieder Pflanzen spriessen, aus denen sich wiederum Einweggeschirr, T-Shirts, Nespressokapseln fertigen lassen. Aufdrucke wie «kompostierbar» und «biologisch abbaubar» klingen deshalb in den Ohren umweltbewusster Konsumentinnen und Konsumenten gut.

Doch keines dieser Produkte sollte je auf dem Komposthaufen im eigenen Garten landen. Im kommenden Frühjahr wäre die Komposterde noch immer mit Überresten von Kaffeekapseln und Bioplastikgeschirr durchzogen. Nur in den Anlagen professioneller Grüngutverwerter verrotten sie in vernünftiger Frist vollständig. Dort sind die Temperaturen höher als im Komposthaufen, was die Zersetzung begünstigt.

Ob aus Erdöl oder Pflanzen hergestellt, ist dem Kompost egal

Der Gitteraufdruck bedeutet, dass die Säcklein in der industriellen Kompostieranlage landen dürfen.

Der Gitteraufdruck bedeutet, dass die Säcklein in der industriellen Kompostieranlage landen dürfen.

Doch was heisst überhaupt: «biologisch abbaubar»? Auch eine gewöhnliche PET-Flasche verrottet – nur dauert dies in der Natur ein paar hundert Jahre. Entscheidend ist dabei nicht, woraus ein Material hergestellt wurde, auch Kunststoffe aus pflanzlichen Rohstoffen können sehr dauerhaft sein. Auch der Begriff «kompostierbar» ist schwammig. Aussagekräftig sind nur klar geregelte Kennzeichnungen wie der Gitteraufdruck auf Bioabfallsäcken oder die europäische Norm «kompostierbar nach EN 13432». Und sie bedeuten eben nur, dass eine industrielle Kompostanlage mit den Kaffeekapseln, dem T-Shirt, dem Teller fertig wird.

Die Becher von "Naturesse" sehen aus wie normales Plastik, sind aber biologisch abbaubar nach EU-Norm.

Die Becher von "Naturesse" sehen aus wie normales Plastik, sind aber biologisch abbaubar nach EU-Norm.

Diese Produkte können sich also im Kompost auflösen, wenn auch nicht zu Hause. Ist also der Traum vom Konsum in Einklang mit der Natur doch wahr? «Natürlich, ökologisch und funktional», schreibt Calida über sein kompostierbares T-Shirt. Als «nachhaltig» wird das Einweggeschirr der Schweizer Marke «Naturesse» angepriesen. Und auf der Website der kompostierbaren Kaffeekapseln Beanarella, ebenfalls ein Schweizer Produkt, heisst es: «Der Kreislauf in der Natur wird dadurch komplett geschlossen.»

Mit den kompostierbaren Kaffeekapseln von "Beanarella" soll der Kreislauf der Natur geschlossen werden.

Mit den kompostierbaren Kaffeekapseln von "Beanarella" soll der Kreislauf der Natur geschlossen werden.

Biokunststoff wird nicht zu fruchtbarer Erde

Weniger begeistert tönt es in der Kompostbranche. Daniel Trachsel, der den «Runden Tisch biologisch abbaubare Wertstoffe» koordiniert und Mitglied der Geschäftsleitung des Grüngutverwerters Kewu in der Agglomeration von Bern ist, sagt: «Sobald wir beispielsweise Einwegbecher oder Kaffeekapseln aus biologisch abbaubaren Materialien im Grüngut zulassen, haben wir auch sehr viel mehr Fremdstoffe drin.» Da wirft vielleicht eine Bewohnerin einer Siedlung korrekt ihre kompostierbaren Kapseln in den Container und ein Bewohner bringt seinen biologisch abbaubaren Kaffeebecher. Die Nachbarn sehen dies beim Blick in den Container und werfen ihre Alukapseln und ihr konventionelles Plastik dazu. Sie werden also zu Fehlwürfen verleitet. Damit hat der Grüngutverwerter den Dreck – und sonst nichts.

Selbst die tatsächlich kompostierbaren Kunststoffe sind im Grüngut wertlos. Aus ihnen wird beim Zersetzungsprozess praktisch nur Kohlendioxid und Wasser statt hochwertiger Humus. Daniel Trachsel sagt:

«Bei Beschriftungen wie ‹kompostierbar› oder ‹biologisch abbaubar› geht es sehr häufig um Greenwashing.»

Die Firmen verpassen sich damit einen grünen Anstrich, ohne dass die Umwelt tatsächlich profitiert.

Sinnvoll in der Landwirtschaft

Landen solche Materialien statt im Grüngut in der Kehrichtverbrennung, so wird zumindest ein Teil der Energie zurückgewonnen, es entsteht Strom oder Fernwärme. Ob das Material kompostierbar ist, spielt dabei keine Rolle. Sinnvoll ist die biologische Abbaubarkeit letztlich nur in zwei Fällen: Erstens für Produkte, die teilweise ohnehin in den Boden gelangen, zum Beispiel Folien in der Landwirtschaft. Zweitens für Kompostbeutel, weil dadurch das Sammeln von Grüngut für die Konsumentinnen und Konsumenten einfacher wird.

Bei der Folie, die direkt auf dem Feld angewendet wird, ist es tatsächlich ein Vorteil, wenn sie in vernünftiger Frist biologisch abgebaut wird.

Bei der Folie, die direkt auf dem Feld angewendet wird, ist es tatsächlich ein Vorteil, wenn sie in vernünftiger Frist biologisch abgebaut wird.

Wikipedia

Auch für kompostierbare Kleidung, wie sie unter anderem von den Schweizer Marken Calida und Freitag angeboten wird, gibt es ökologisch sinnvollere Bestimmungen als die Grünabfuhr. Falls sie via Textilsammlung ins Ausland gelangen, kann sogar die biologische Abbaubarkeit schliesslich doch noch zum Pluspunkt werden: In Ländern, wo das Müllentsorgungssystem nicht ganz so perfekt wie es in der Schweiz funktioniert, landet eher mal ein löchriges T-Shirt am Strassenrand. Wenn es sich da rasch ohne Rückstände zersetzt, ist der Umwelt doch ein kleiner Gefallen getan.

Deswegen «biologisch abbaubar» mit «ökologisch» oder «nachhaltig» gleichzusetzen, wäre falsch. Die Frage, ob Kompostierbarkeit sinnvoll ist, muss für jedes Produkt einzeln gestellt werden. Nur in seltenen Fällen wird die Antwort lauten: ja.

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