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Glosse

Wer hat hier eigentlich wen in der Hand?

Unser Autor Gregory Remez schreibt eine offene Nachricht an sein Smartphone.
Gregory Remez
Gregory Remez

Gregory Remez

Liebes Smartphone, wir müssen reden. Keine Sorge, ich will nicht Schluss machen. Wahrscheinlich könnte ich das auch gar nicht – zu zahlreich sind die Verlockungen, die sich hinter deinem kleinen, schwarzen Fenster zur Welt verbergen. Es wäre auch widersinnig, zwanghaft auf die vielen Vor­züge zu verzichten, die sich alleine durch deine Anwesenheit ergeben. Und doch habe ich in letzter Zeit öfter das Gefühl, dass uns ein bisschen Abstand gut täte. Dein Einzug in alle Lebensbereiche bereitet mir zusehends Sorgen, sodass ich mich manchmal frage, wer hier eigentlich wen in der Hand hat.

Du kennst nicht nur meine vielen kleinen Geheimnisse und peinlichen Wissens­lücken; wenn ich beispielsweise zum wiederholten Mal nachschauen muss, welches die Hauptstadt Australiens ist, dann rollen Siri und Alexa bestimmt mit den Augen. Du weisst auch, wie hoch meine Arztrechnung und wie tief mein Kontostand ist. Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als ich es irgendwie befremdlich fand, dass du mich sogar zur Toilette begleiten wolltest. Inzwischen ist dies nur einer von vielen ehemals intimen Momenten, die wir teilen. Je funktionaler du wirst, desto dysfunktionaler wird unsere Beziehung, so scheint es.

Ständig ertappe ich mich dabei, wie mein Blick deinen Bildschirm sucht, als würde er magisch angezogen. Jede Wartezeit, und sei es nur eine Liftfahrt, überbrücke ich, indem ich dich aus meiner Hosentasche fische. Selbst mitten in einer Unterhaltung verspüre ich zuweilen den Drang, nachzugucken, ob du mir vielleicht nicht etwas Interessanteres zu erzählen hast – eine Angewohnheit, die offenbar so weit verbreitet ist, dass sie gar einen Neologismus geprägt hat: Phubbing (phone = Telefon, snubbing = vor den Kopf stossen). Und viel zu oft ist es nicht meine Partnerin, sondern dein kaltes Display, das ich zu Beginn und am Ende eines Tages berühre. Praktischerweise blende ich just dann immer aus, wie sehr mich diese Unsitten bei anderen stören.

Es liegt mir fern, dich zu verteufeln, liebes Smartphone. Es geht auch nicht darum, dich gegen mein altes Nokia 3310, das bestimmt immer noch Akku hat, einzutauschen. Gewiss, noch jede grosse technologische Erfindung wurde mit Misstrauen empfangen. Der Telegraf, das Telefon, das Radio, Film, Fernsehen, Videospiele, ja sogar Bücher – sie alle haben zunächst Panik ausgelöst und sich dann doch als harmloser als gedacht entpuppt. Und doch, da hatte Steve Jobs schon recht: Du bist anders. Nicht nur wurdest du gezielt so entwickelt, dass ich mich nur schwer von dir trennen kann. Ich trage dich auch noch ständig mit mir rum. Höchste Zeit also, dass ich mal über unsere Beziehung reflektiere. Wie gesagt, vielleicht täte uns etwas Abstand gut.

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