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Was der Psychologe Maslow vergessen hat

Tu, was du gern machst, und du wirst keinen Tag arbeiten müssen.

«Arbeit macht selig», schrieb Heinrich Beta, ein deutscher Ökonom aus dem 19. Jahrhundert. Diese richtige und wichtige Aussage wurde von den Nazis abgeändert in «Arbeit macht frei». Wir alle wissen, zynischer geht es nicht mehr. Bleiben wir bei Beta und den äusserst positiven Auswirkungen der Arbeit.

Lebensumstände wie Alter, Einkommen, Intelligenz, Bildung, Gesundheit oder Herkunft haben in hochentwickelten Ländern wenig Einfluss auf die Lebenszufriedenheit und werden systematisch überschätzt. Eine Arbeitsstelle zu haben hingegen, hat grosse Wirkung. Auch wenn im Modell der Bedürfnishierarchie des Psychologen Abraham Maslow die Arbeit nicht explizit vorkommt, ist sie meines Erachtens ein Grundrecht. Die Bedeutung der Arbeit wird den Menschen oft erst bewusst, wenn sie fehlt. Sich Tag für Tag selbst beschäftigen und soziale Kontakte suchen zu müssen, ist anstrengend. Kommt hinzu, dass es in der Freizeit schwieriger ist, sich als wirksam zu erleben oder Ziele zu erreichen. Im Berufsleben ist dies Alltag. So sehr, dass wir oft gar nicht mehr merken, wie gut uns das tut, etwas erledigt oder umgesetzt zu haben.

Dieses Gefühl können wir übrigens kultivieren. Sind unsere Fähigkeiten im Einklang mit den Herausforderungen der Aufgabe, gelangen wir in einen Zustand der völligen Konzentration, vergessen die Zeit, schalten fremde Gedanken aus und haben zum Schluss das befriedigende Gefühl, etwas geleistet zu haben. Man nennt diesen Zustand «Flow», und er wurde intensiv vom US-Wissenschaftler Mihály Csíkszentmihályi untersucht. Seine Studien zeigen, dass Flow leichter und öfter im Job eintritt als bei Freizeitaktivitäten. Da Flow nur über Know-how-Erwerb und Disziplin zu erreichen ist, geben wir uns in der Freizeit lieber kurzweiligen Genusshandlungen hin oder sind müde und lassen uns treiben. Im Beruf sind wir öfters gezwungen, unser Bestes zu geben. Sind wir am richtigen Arbeitsplatz, tritt der Flow von alleine ein.

Wann erleben wir nun eine Arbeitsstelle als gut? Hierzu gibt es unzählige Studien und Modelle. Wichtig sind sicherlich die Übereinstimmung der eigenen Werte mit denjenigen der Firmenkultur. Zudem sollten die Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten deckungsgleich sein. Der Job darf mich fordern; werde ich auch gefördert, gelingt Entwicklung umso besser. Freiraum, Vertrauen, Wertschätzung und erreichbare Ziele sind weitere Stichworte zur passenden Arbeit. Gerne gehe ich näher auf eine interessante Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2011 ein, welche die Anwendbarkeit individueller Stärken und positives Erleben am Arbeitsplatz in Zusammenhang bringt. Darin wird nachgewiesen, dass Personen, die vier und mehr ihrer wichtigsten Stärken am Arbeitsplatz anwenden können, ihre Arbeit eher als Berufung empfinden. Wir sind also aufgefordert, unsere Stärken genau zu evaluieren und uns einen Job zu suchen oder den bestehenden so zu gestalten, dass möglichst viele dieser Stärken in die tägliche Arbeit eingebracht werden können. Daneben können die allgemein am stärksten mit der Arbeitszufriedenheit zusammenhängenden Charakter- stärken kultiviert werden: Begeisterungsfähigkeit, Optimismus, Neugier, Bindungsfähigkeit, Dankbarkeit und Ausdauer.

Erlebe ich meine Arbeit als unbefriedigend, gilt es, zuerst die Aufgaben abzuchecken. Kann ich etwas verändern am Was, Wie oder Wie viel? Auch Beziehungen zu den Vorgesetzten und Mitarbeitenden sind fürs Wohlbefinden entscheidend. Den grössten Hebel allerdings stellt die innere Einstellung zur Arbeit dar. Egal in welchem Beruf. Ein Industriearbeiter oder eine Ärztin kann den Beruf als Pflicht betrachten, um die Existenz zu sichern, oder als etwas Sinnvolles, das einem grösseren Zweck dient und Zusammenhang erlebbar werden lässt. So nennt Bodo Jansen, der in seiner sehr erfolgreichen Hotelkette in Norddeutschland die Erkenntnisse der Positiven Psychologie umgesetzt hat, das Beispiel eines Zimmermädchens. Mit der Einstellung, den Gast glücklich machen zu wollen, ist die Dame stets hochmotiviert bei der Arbeit und erlebt sich als wichtigen Bestandteil einer Wertschöpfungskette.

Unser Selbstwert hängt stark mit der Arbeit zusammen. Je stärker das Land, in dem wir leben, eine Leistungsgesellschaft ist, desto höher ist der Druck, eine Arbeit zu haben. In einem Land wie der Schweiz keine Arbeit zu haben, ist hart. Was das heisst, wissen nur Menschen, die dies schon erlebt haben. Seien wir dankbar für unsere Arbeit. Sie gibt uns die Möglichkeit zur Entfaltung – und kann tatsächlich selig machen!

Sigmar Willi

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