Kolumne

Vor Besinnung ganz von Sinnen!

Einblicke - Unser Kolumnist Romano Cuonz über die erzwungene Besinnlichkeit, den Vorweihnachtsstress und die sich breitmachende Erschöpfung unter dem Weihnachtsbaum.

Romano Cuonz
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Romano Cuonz, Journalist und Publizist aus Sarnen.

Romano Cuonz, Journalist und Publizist aus Sarnen.

«Sehet, die erste Kerze brennt», trällere ich vor mich hin, wie ich auf unserem Stammtisch den Tannenzweig mit einer zaghaft flackernden Kerze entdecke. Kollege Wisi lacht. «Eine einzige Kerze!» ruft er aus. «Was ist das schon? Das TV-Adventsfest von Florian Silbereisen hättest du reinziehen müssen!» sagt er, und rezitiert mit süssem Schlagerschmelz in der Stimme: «Und brennen 100 000 Kerzen überall im ganzen Land, dann kann man endlich Weihnacht spür’n, es reichen alle sich die Hand.»

Inzwischen brennt die 2. Kerze. Ich habe die Sendung «nachgeguckt» und mich vom Schrecken noch immer nicht erholt. So viel Kitsch aufs Mal habe ich noch selten gesehen. Wie da der umtriebige Florian Silbereisen mit einer hyperaktiven Michelle Hunziker «Petersburger-Schlitten» fährt. Wie Mireille Mathieu tremoliert und André Rieu müde dirigiert. Wie Ben Zucker seinem Namen Ehre macht und man nicht einmal vom unvermeidlichen Revival der gealterten Kelly Family verschont bleibt! Doch es soll ja Leute geben, die diese Show mögen. Jedenfalls twittert eine erboste Dame all uns Kritikern zu: «In der Adventszeit bitte einfach mal ein bisschen besinnlicher sein!»

Spätestens, wenn die 3. Kerze brennt, nehme ich mir vor, besinnlicher zu werden. Advent bedeutet doch Ankunft, überlege ich. Alle warten wir sehnlichst darauf, dass diese «Mary» ihr «boy child» endlich zur Welt bringt. Jedoch: was heisst da «Warten»? Das kann doch bei uns längst keiner mehr. Shoppen hier. Stressen dort. Vor lauter Einladungen zur feierlichen Einkehr und Besinnung sind wir bald ganz von Sinnen. Dabei sind wir doch redlich bemüht, die letzte Illusion von Weihnachten aufrecht zu erhalten.

Aber noch eh die 4. Kerze brennt, ist’s mit Besinnung endgültig vorbei. Nun brennen zwar, gar nicht viel anders als in Florian Silbereisens Show, am Christbaum endlich – wenn auch nicht gleich 100 000 – viele schöne Kerzlein. Doch wer immer davor sitzt – ist so ziemlich «burned out.»