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Kolumne

Un grand merci de l’Üsserschwyz

Lukas Niederberger
Lukas Niederberger, Publizist

Lukas Niederberger, Publizist

Das Nein der Walliser zu Olympia Sion 2026 erstaunt in mehrfacher Hinsicht. Erstens erlaubten sich viele Walliser (vor allem Walliserinnen), mit ihrem Stimmzettel dem Druck zu widerstehen, den die berüchtigte Walliser Bau- und Tourismus-Branche seit Jahrzehnten ausübt. Öffentlich reden Walliser so wenig über ihren Stimmentscheid wie Türken über ihre Nicht-Wahl Erdogans. Die geheime Wahl machte es aber im Unterschied zur öffentlichen Abstimmung in Kandersteg möglich, dass viele Nein stimmten, die ihre Meinung selbst in Familie und Freundeskreis nicht zu äussern wagen.

Zweitens ist in der Üsserschwyz (Schweiz minus Wallis) wenig bekannt, dass das Wallis ein 55-jähriges Trauma mit Olympia verbindet. Anno 1963 verwarfen die Oberwalliser die erste Olympia-Abstimmung, worauf sie während des touristischen Baubooms von der Mehrheit im Unterwallis jahrelang abgestraft wurden. Im Jahr 1969 sagte das Wallis Ja zur Olympiakandidatur 1976, aber das IOC entschied sich für Denver. Anno 1994 sagten die Walliser Ja zur Olympiakandidatur 2002, doch das IOC stimmte für Salt Lake City. Und 1997 stimmte das Wallis Ja zur Olympia-Kandidatur 2006, aber das IOC zog Turin vor. Daraufhin wurde das IOC von den Wallisern an Demos und auf Hauswänden als korrupte Mafia verschrien. Bei der jetzigen Abstimmung haben viele Walliser Nein gestimmt, um eine erneute Schmach durch das IOC von vornherein zu vermeiden. Drittens ist das Nein zu Olympia 2026 ein Indiz dafür, dass das Wallis dieses Spektakel heute als gesellschaftsverbindendes Ritual nicht mehr nötig hat. Die katholische Kirche, die jahrhundertelang als verbindlicher und verbindender Wert der Walliser wirkte, konnte seit den 60er-Jahren diese Klammerfunktion nicht mehr wahrnehmen. Die Olympia-Idee erfüllte in der Folge 40 Jahre lang ein pseudoreligiöses Ersatzangebot für kollektive Gefühlserlebnisse. Dieses Bedürfnis besteht heute im modernen, selbstbewussten Wallis nicht mehr. Viertens hat das Walliser Stimmvolk mehr auf die Nachhaltigkeitsargumente von Umweltorganisationen gehört als auf die hehren Versprechungen von Politik und Wirtschaft. Regierungsrat Frédéric Favre versprach ernsthaft, dass Olympia 2026 Milliardengewinne und 6000 neue Arbeitsstellen bringen würde und dass es keinerlei Defizit oder Schulden gäbe. Die mündigen Walliser stimmten indes nach der Devise von Goethes Faust: «Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.»

Und fünftens funktionierte bei der Abstimmung der religiös verankerte Obrigkeitsglauben nicht mehr. Und bei denen, wo dieser Reflex noch klappt, hätte man Ogi, Couchepin und Zurbriggen statt Constantin, Favre und Stahl zu den Motoren von Sion 2026 machen sollen. Swiss Olympic-Präsident Stahl hat kurz nach Bekanntgabe des Olympia-Nein im Radio bereits den Grund gegen eine weitere Olympia-Zwängerei in der Schweiz geliefert: «Ich frage mich, ob die Schweiz überhaupt noch fähig ist, etwas Grosses und Gemeinsames anzugehen.» Es ist bedauerlich, wenn bei unsportlichen Verlierern der Mangel an Selbstreflexion in Beleidigung Andersdenkender kippt. Auch daran erinnert sich das Stimmvolk noch nach Jahren.

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