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Kolumne

Auf der schiefen Bahn nach Hindelbank

Sonntagsgericht
Silvan Meile

Die Tat ist frisch, die Ausrede faul: Mitten in der Nacht wird die 22-Jährige im Keller eines Wohnhauses ertappt. Dafür hat sie eine Erklärung: Sie suche ein Feuerzeug, um die Brennpaste für ein Fondue anzünden zu können. «Eine haarsträubende Ausrede», nennt es der Staatsanwalt vor dem Bezirksgericht Weinfelden.

Denn es ist offensichtlich: Die junge Erwachsene hat sich in jener Nacht ins Haus geschlichen, um zu stehlen. So hat sie sich ihren Lebensunterhalt finanziert. «Sie hat mit Diebstählen ein ­regelmässiges Einkommen generiert», sagt der Staatsanwalt. ­Einen ganzen Katalog von Delikten wirft er ihr vor: Einbruch, Diebstahl, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Drogen. Einer geregelten Arbeit ging sie noch nie nach, brach eine Lehre als Autolackiererin nach nur einem Monat ab.

Die Haare sind kurz geschnitten, die Hände in Handschellen. Ein Polizist führt die Diebin in den Weinfelder ­Gerichtssaal. Sie hat die Ärmel ihres Pullovers nach hinten gekrempelt. Auf dem rechten Unterarm kommt ein Tattoo zum Vorschein. Ansonsten wirkt sie unscheinbar.

Aus der Frauenstrafanstalt im bernischen Hindelbank ist sie in den Thurgau gefahren worden. Sie sitzt im vorzeitigen Strafvollzug – nicht alleine. Mit ihrer fünf Monate alten Tochter ist sie in der Mutter-Kind-Abteilung unter­gebracht. Tagsüber besucht das Baby die Kita der Gemeinde Hindelbank. Solange ihr Kind nicht älter als drei Jahre und drei ­Monate sei, dürfe sie es bei sich haben. In Freiheit dürfte das nicht mehr so sein.

Die Angeklagte blickt vor sich auf die Tischplatte, während der Staatsanwalt auf einige der über 50 Straftaten eingeht, die der jungen Frau vorgeworfen werden. Sie ist durch alle Maschen gefallen. Schon als Kind kam sie in Einrichtungen, war in Internaten, später im Jugendgefängnis. Nichts und niemand konnte sie von der schiefen Bahn abbringen. Und sie hat auch nie etwas dafür unternommen. Die junge Frau ist bereits fünffach vorbestraft. Wieso sie die Einbrüche begangen habe, will die Richterin wissen. «Um leben zu können.»

Meist ist die Thurgauerin in Kellerabteile von Mehrfamilienhäusern eingeschlichen. Sie nahm ­alles mit, was sich zu Geld ummünzen liess: Velos, Schlafsäcke, Zelte, Skateboards. In unverschlossenen Autos wartete mal ein Portemonnaie oder ein Smartphone. Auch Baustellen­baracken suchte sie auf. Meist ist die Diebin mit dem Zug an einen Ort gefahren, um dort auf Diebestour zu gehen. Einen Wohnsitz hatte sie selten. Vor ­Gericht muss sie sich auch wegen Hausfriedensbruchs verantworten, weil sie sich in eine Waschküche schlich, um dort ihre ­Wäsche zu waschen.

Das Leben der heute 25-Jährigen ist ein Scherbenhaufen. Ihren ­Vater lernt sie nie kennen. Er geht vor ihrer Geburt zurück nach Serbien, wird dort später zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Mit ihrer Mutter und drei Halbgeschwistern kommt sie vom Kanton Zürich in den Thurgau. Mit 19 wird sie zum ersten Mal Mutter. Im Sommer kommt die erste Tochter in die Schule. Sie lebt in einer Pflegefamilie. ­Alleine sehen darf sie ihre ältere Tochter nicht. Zu den beiden Vätern ihrer Kinder hat sie kaum Kontakt. Und ihre Schulden belaufen sich auf 50000 Franken.

Eine unbedingte Haftstrafe ist ihr sicher. 32 Monate fordert der Staatsanwalt. Der Pflichtverteidiger verlangt Milde: 24 Monate bedingt. Der Anwalt betont, dass seine Mandantin nie in Wohnungen und somit nicht in den ganz privaten Bereich der Leute eingebrochen sei, sondern nur in Gemeinschaftsräume. Doch für die Richter steht fest, die Angeklagte war dauernd kriminell, hat keine Aussicht auf ein geregeltes Leben. Sie hat keine der Chancen gepackt, die ihr geboten wurden. Jetzt muss sie im Gefängnis dafür büssen: «30 Monate unbedingt.»

Die Angeklagte aus der Strafanstalt Hindelbank sitzt regungslos vor der Richterin. Im Gefängnis versuche sie, es gut zu machen. «Ich bin bereit, Hilfe anzunehmen», sagt sie. Doch ihr ist kaum zu glauben. Was sie machen werde, wenn sie aus der Haft entlassen sei, fragt die Richterin. «Eine Lehre machen und eine eigene Wohnung suchen.» «Was für eine Lehre?», fragt die Richterin. «Weiss nicht.» Und als die Richterin nach der Mutter fragt, zeigt sie zum ersten Mal Emotionen. Es kullert ihre eine Träne das ­Gesicht runter. «Sie ist für mich gestorben.»

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