Glosse

Schäfli ungeschoren: Nationalrat wandelt Klima zum Auslandsproblem ab

Viele Menschen kommen beim schnellen Klimawandel nicht mehr mit: Wann kommt die Herbstmode in die Läden? Und soll ich schon im März Sommerferien machen? Noch verwirrter ist der Nationalrat. Er glaubt, er könne das Schweizer Klima ins Ausland exportieren.

Roland Schäfli
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(Illustration: Corinne Bromundt)

(Illustration: Corinne Bromundt)

Das ist die Satirekolumne der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Der Nationalrat unterstützt den Exporthandel: Er exportiert den Klimaschutz ins Ausland. Diesen Entscheid fasste er aufgrund folgender Antworten auf die meistgestellten Klima-Fragen.

Die Schweiz will ihre CO2-Emissionen einfach im Ausland einsparen: sollte uns dieser Nationalratsentscheid nicht sprachlos machen?

Mit Ihrer Sprachlosigkeit erweisen Sie der Umwelt einen Dienst, die Sie mit Ihrem Atem täglich mit Kohlendioxid belasten. Noch besser wäre, Sie würden der Klimadebatte atemlos folgen. Einmal abgesondert ist CO2 zwar unsichtbar, doch weg ist der Schadstoff nicht. Sie können sich das mit dem Islamischen Zentralrat vorstellen, der viel warme Luft verbreitete und sich nun im Untergrund unsichtbar macht.

Ist es moralisch vertretbar, ein Emissionszertifikat im Ausland zu bestellen?

Die Schweiz verhält sich ihrem Neutralitätsgedanken entsprechend klimaneutral. Ablass-Zahlungen waren in der Kirche schon im Mittelalter erlaubt, Reform-Papst Franziskus will sie wieder einführen. Aus der Schweiz kann man das Zertifikat gerahmt bestellen, ausser halt bei Amazon.com.

Vergrössert sich so nicht unser ökologischer Fuss­abdruck?

Niemand hat gesagt, Sie müssen zu Fuss nach Konstanz, um Ihre Emissionen im Ausland zu kompensieren. Beim Einkaufen in Deutschland geht es ja auch um den Verbrauch von Schweizer Kohle. Gemäss Rahm-Abkommen mit der EU schöpfen wir im Ausland den Rahm ab. Durch die Benzinpreiserhöhung sollen Automobilisten angehalten werden, weniger zu fahren. Obwohl, vollständig werden sie sicher nicht angehalten. Klimaneutral wäre, wenn Ägypten uns die geschenkten Kulturgüter nicht wieder zurückschickt.

Sollte nicht der Luftverkehr eingedämmt werden, der hier für 18 Prozent des Klima­effekts verantwortlich ist?

Luftverkehr ist in der Tat ein Problem. Darum treten wir für weniger Sex in Flugzeugtoiletten ein. Das Gestöhne erhöht zudem den CO2-Ausstoss. Einen Flug sollten sie umweltverträglich kompensieren, indem Sie auf «böse Früchte» wie Avocado verzichten. Eine Avocado verbraucht 1000 Liter Wasser. Und Wasser ist im Flugzeug nun mal nicht unbegrenzt verfügbar. Verzichten Sie auf exotische Verpflegung aus der Bordküche, reduzieren Sie den Ausstoss von Gasen, welche die Nasen Ihrer Mitpassagiere stören. Am besten also, Sie bleiben fruchtlos. So fruchtlos wie die Drohung von Doris Leuthard, bei Ablehnung des Nationalrats einfach zum Ständerat zu gehen.

Sollte man sich zu Silvester nebst den üblichen Zielen, die nicht erreicht werden, auch ein Klimaziel vornehmen?

Bei dieser Idee könnte ich vor Freude twerken. Wer mit Rauchen aufhört, senkt die Feinstoffbelastung. CO2 ist auch darum auf dem Höchststand, weil Thurgauer Kinder nicht einmal die chemische Formel kennen, da es im Thurgau keine Schulnote für Chemie gibt.

Sollte man jetzt schon ein Ferien-Brüggli für die Sommerferien im März bauen?

Gemäss String-Theorie können Sie bereits ganz knappe Badehöschen für den nächsten Hitzesommer kaufen. Verzichten Sie aber auf einen Flug ins Ausland, um als Tourist unsere Klimakompensation zu besuchen. Die Revisionsstelle des Postautos wird nämlich die Flugmeilen kontrollieren. Besser, Sie sehen sich einheimische Gletscher an. Wie sie beruhigend tropfen, das ist wahre Entschleunigung.