Salzkorn
Schauspieler lügen – zum Glück

Gut erfunden, glaubwürdig vorgetäuscht: Das genügt nicht mehr. Schauspieler sollen sein, was sie spielen. Wollen wir das wirklich?

Bettina Kugler
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Illustration: Corinne Bromundt

Darf die das? Diese Frage muss sich die Schauspielerin Kate Winslet, Weltstar seit ihrer Rolle in «Titanic», derzeit gefallen lassen. Dabei hat sie nichts Anstössiges getan, sondern lediglich ihren Job gemacht, und das ziemlich gut – etwas vorgetäuscht, was sie nicht ist. Im konkreten Fall, dem Film «Ammonite», als heterosexuelle Schauspielerin eine Frau mit homoerotischen Neigungen verkörpert. Wie kann sie sich anmassen, in deren Haut zu schlüpfen? Hätte nicht eine Lesbierin das Gefühlsleben der englischen Fossiliensammlerin Mary Anning viel authentischer dargestellt?

Die Frage ist so alt wie der Beruf selber und der Vorwurf, Schauspieler seien Lügner. Ob sich jemand rückhaltlos mit der Rolle identifizieren soll, oder ob die Kunst gerade darin besteht, mit kühlem Kopf und geschärfter Beobachtung eine Figur zu erschaffen, darüber streiten sich Theatertheoretiker gern. Seien wir ehrlich: Als kannibalischer Serienkiller im wirklichen Leben hätte Anthony Hopkins wohl keinen Oscar bekommen. Und auch nicht seinen zweiten: als echt dementer Vater.