Glosse

Salzkorn

Eigenverantwortung – die ist auch an Weihnachten gefragt. Oder etwa nicht?

Thomas Griesser Kym
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Illustration: Corinne Bromundt

Weihnachten 2020. So gar nicht traditionell. Ohne ausufernde Familienfeiern, ohne Restaurantbesuch, ohne Skitag. Der Papa hat auf dem Stubentisch ein Teelicht entzündet und es sich mit der Zeitung auf dem Sofa gemütlich gemacht. Die Kinder spielen mit ihren Geschenken, die Mamma werkelt in der Küche. Ganz traditionell halt.

Da ruft der Sohn: «Papa, vom Spitz des Christbaums ist der Strohstern runtergefallen.» Der Papa seufzt, er lugt über den Rand der Zeitung, legt sie auf den Tisch, begibt sich zur Nordmanntanne. Nach einigem Herumnesteln gelingt es ihm, den Stern zu befestigen. Da ruft die Tochter: «Papa, es brennt!»

Die Flamme der Kerze hat ein Loch in die Zeitung gefressen. Das Feuer ist rasch gelöscht, doch den Papa treffen vorwurfsvolle Blicke. «Ihr habt mich ja gerufen», brummelt er. Die Mamma, aus der Küche herbeigeeilt, belehrt ihn: «Das nennt man Eigenverantwortung.» «Und seit Berset und seinen Bundesbeamten wissen wir, dass das nicht funktioniert», gibt der Papa zurück. Derweil kochen die Spaghetti über.