Glosse
Salzkorn

Ob und wann wir aus dem kollektiven Eskapismus via Lesen, Filme schauen oder Musik hören jemals wieder hinausfinden, ist fraglich.

Urs Bader
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Illustration: Corinne Bromundt

«Eskapismus, ruft ihr mir zu, / vorwurfsvoll. / Was denn sonst, antworte ich, / bei diesem Sauwetter!» So heisst es in einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger. Das «Sauwetter» muss nicht wörtlich genommen werden, man darf dabei durchaus an jedwede Misere denken.

Ja, was bleibt in diesen Tagen denn sonst als Eskapismus, als Weltflucht.

Dem hing allerdings stets etwas Fragwürdiges an. Wer etwa exzessiv Bücher liest, sich Filmen oder Musik hingibt, stand immer unter Eskapismusverdacht. Galt als zerstreuungssüchtig, als Träumerin, als Elfenbeinturmbewohner, der sich um die Wirklichkeit nicht mehr kümmert. Und jetzt? Jetzt wurden wir von Amtes wegen fast dazu gezwungen. Half das Lesen, die endlosen Lockdown-Tage zu überstehen.

Wo diese wohl schon kollektive Flucht schliesslich hinführen wird, wissen wir noch nicht. Am Ende wollen wir gar nicht mehr davon ablassen. Sicher ist nur dies: Richtiger Eskapaden werden wir uns noch länger nicht erfreuen können.