Glosse

Salzkorn

Die Scham hat wieder Konjunktur.  Aber welche?

Gottlieb F. Höpli 
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Unsere Gegenwart zeichnet sich ja durch Unverschämtheiten aller Art aus: Nackte Tatsachen, wohin man blickt. Unverschämte Politiker, die sich auf der Weltbühne produzieren. Aber auch die Scham hat wieder Konjunktur. Bücher werden geschrieben zum «Lob der Scham», und die Flugscham schafft es in die Spitzenränge, wenn es um das «Wort des Jahres» geht. Vereinzelte Anzeichen für eine neue Prüderie gibt es durchaus.

Aber noch lieber schämt man sich fremd. Man schämt sich lieber für das Tun und Lassen der Anderen. Dieses ist ja oft nicht nur peinlich, sondern klimaschädlich / rassistisch / sexistisch / diskriminierend (Unzutreffendes bitte streichen). Schämt Euch! Die neue Kultur der Scham ist also viel eher eine Beschämungs-Kultur als eine des Sich-Schämens. Aber darf man eigentlich andere lauthals beschämen, ohne sich selber zu schämen? Da darf man sich wohl schon mal fragen, wie ein solches Verhalten zu bewerten ist. Einst hätte man es vermutlich schamlos genannt. G.F.H.