Glosse

Salzkorn

Wenn ein Algorithmus die Partitur nach dem Wetter bestimmt.

Bettina Kugler
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Was Künstler zu Lebzeiten nicht vollenden, erledigen intelligente Maschinen längst ohne Murren. Fünf Prozent Inspiration, der Rest Transpiration: Diese Summe ergab bislang unsterbliche Kunstwerke. Der Rechner braucht weder noch. Nur ein Programm. Und Daten. Er kann ein Werk, falls nötig, auch veränderten Rahmenbedingungen anpassen. Antonio Vivaldis «Vier Jahreszeiten» zum Beispiel: Sie tönen neuerdings nach nassen Füssen auf dem Markusplatz. Nach Artensterben und globalem Temperaturanstieg.

Nicht etwa, weil die Streicher mit besonders warmem Ton spielen würden, die klirrende Kälte des «Winters» plötzlich wohltemperiert daherkäme. Die Datenbasis für die kürzlich in der Hamburger Elbphilharmonie aufgeführte Version ist wissenschaftlich wasserdicht. Ein Algorithmus hat die Partitur der gegenwärtigen Wetterlage angepasst, und siehe da: Gesumm und Kuckucksrufe sind verstummt, das harmonische Gefüge der Natur gerät ins Wanken. Wohl dem, der dabei nur genüsslich im Konzertsaal sitzt. bk.