Kolumne

Pessimismus ist tödlich

Lena Berger, stellvertretende Leiterin der «Zentralschweiz am Sonntag» über Placebo-Effekte und warum es sich lohnt, positiv in die Zukunft zu blicken.

Lena Berger
Drucken
Teilen
Lena Berger

Lena Berger

«Wer nichts erwartet, wird nicht enttäuscht.» Der Himmel weiss, wie ich als 14-Jährige dazu kam, einen solchen Satz in mein Tagebuch zu schreiben. Ich hatte damals schwarze Haare und Sehnsucht nach etwas, das ich nicht benennen konnte. Ich hörte stundenlang das immer gleiche Lied (irgendwas von The Smiths). Und auf allen Fotos aus dieser Zeit habe ich diesen Blick drauf, den man nur als «weltschmerzverzerrt» beschreiben kann.

Es kam mir damals unheimlich schlau vor, nichts von anderen zu erwarten und immer mit dem Schlechtesten zu rechnen. Es dauerte lange, bis ich erkannt habe, dass das völliger Blödsinn ist. Wer Mauern um sich herum baut, steckt sich selber ins Gefängnis. Welchen Sinn hat das Leben, wenn man nicht in der Lage ist, in seinem Herzen Hoffnung aufkommen zu lassen? Bei mir war es die erste grosse Liebe, die für den nötigen Endorphin-Schub sorgte – und dieser depressiv-pubertären Phase ein Ende setzte.

Von meinem späteren Psychologiestudium ist bei mir nicht viel hängen geblieben. Aber an eine Studie erinnere ich mich noch genau. Die Forscher hatten die These, dass Depressive ihre Chancen und Möglichkeiten systematisch unterschätzen. Schwarzmaler halt. Die Untersuchung zeigte dann aber: Ihre Erwartungen waren durchaus realistisch. Es waren vielmehr die psychisch Gesunden, die ihre Zukunftsaussichten all zu rosig sahen.

Es ist also ungesund, realistisch zu sein. Sich im Zweifelsfall euphorisch ins Leben zu stürzen, tut der Seele gut – und macht auch mehr Spass. Wie lebenswichtig Optimismus ist, habe ich letzte Woche im «Beobachter» gelesen. Das Magazin berichtete über Ärzte an der Universität Oxford, die für eine Studie eine Gruppe von Patienten an der Schulter operierten – und die andere Gruppe nur zum Schein. Das verblüffende Ergebnis: Sowohl bei den Operierten wie auch bei den Scheinoperierten zeigte sich eine Besserung. Die positive Erwartung der Patienten allein hat zu einem Erfolg der «Behandlung» geführt.

Was bedeutet das? Zunächst einmal, dass es sich lohnt, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Erwartungen erfüllen, wird dadurch grösser – allein schon deshalb, weil nicht gelingen kann, was man nicht versucht. Und es macht Sinn, (negative) Gedankenmuster zu hinterfragen und sich selber ein bisschen Mut zu machen. Immer mit dem Schlechtesten zu rechnen, macht nicht nur unglücklich, sondern auch krank.