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Kolumne

Pendler-Zombies

Halloween-Vorbereitungen im Zug? Warum nicht – auch wenn das beim Gegenüber sicher nicht gerade einen sonderlich kultivierten Eindruck hinterlässt.
Susanne Holz
Passend zu Halloween: Vampire, Spinnen und Kunstblut im Zug. Wie ein Zombie fühlt sich manch ein Pendler aber das ganze Jahr über. (Bild: Susanne Holz (Bahnstrecke Zug-Luzern, 30. Oktober 2018))

Passend zu Halloween: Vampire, Spinnen und Kunstblut im Zug. Wie ein Zombie fühlt sich manch ein Pendler aber das ganze Jahr über. (Bild: Susanne Holz (Bahnstrecke Zug-Luzern, 30. Oktober 2018))

Am Mittwoch ist Halloween. Am Dienstag sass ich im Zug und betrachtete eine Plastikpackung mit Schminkutensilien für dieses Grusel-Fest im Aufwind. Meine kleine Tochter hat sich die Schminke inklusive Kunstblut gewünscht – sie möchte am Mittwochabend mit ihren Freundinnen in furchteinflössender Kostümierung um die Häuser ziehen und dabei Süssigkeiten horten.

Ich sass also im Zug und zählte per Handy für die daheim auf, was sich alles auf und in der Packung befindet, die die Mama brav eingekauft hat: «Kunstblut, Vampirzähne, Spinnen, Vampire, und, und, und ...» Die Dame mir gegenüber dachte sich vermutlich ihren Teil. Vor allem, weil ich mir kurz zuvor noch die Lippen geschminkt hatte. Zuerst Rot auf die Lippen, dann Handy, dann Kunstblut ...

Einen sonderlich kultivierten Eindruck hinterliess ich bei meinem Gegenüber sicher nicht. Aber ganz ehrlich – welcher Pendler macht das schon frühmorgens im Zug? Vor allem im völlig überfüllten und naturgemäss oft auch etwas verschmutzten Zug, der morgens die zahllosen Pendler von dort nach dort bringt?

Die Umgebung färbt bekanntlich auf die Menschen ab. Kein Wunder, schauen Pendler nicht gerade so fröhlich und entspannt drein wie Menschen in wunderhübschen Wellness-Hotels. Als Neu-Pendler musste ich mich vor wenigen Jahren aber doch erst daran gewöhnen, dass die meisten Leute im Zug ihrem Gesichtsausdruck nach schwer depressiv, völlig desillusioniert, ja fast schon resigniert in hoffnungsloser Misanthropie zu sein scheinen.

Ich fühlte mich unter Zombies. Lächelte ich jemanden an, erntete ich meist: Nichts. Irgendwann gab auch ich das Lächeln auf (nur gegenüber Kindern und Hunden nicht). Ich hatte begriffen – im Gegensatz zu Kindern und Hunden, die so gutmütig sind, dass ihnen die Unannehmlichkeiten des Zugfahrens schlichtweg entgehen: Pendeln ist Stress, pendeln macht keinen Spass, da lächelt man doch nicht blöd rum wie der letzte Hinterwäldler.

Inzwischen bin auch ich ein ziemlich versierter Pendler-Zombie. Ich habe den bösen Blick gut drauf, setzt sich jemand ausgerechnet zu mir, obwohl ich doch lieber meine Ruhe hätte. Ich habe alle Skrupel abgelegt, mich noch schnell im Zug zu schminken. Ich habe (fast) keine Hemmungen mehr, Privates falls nötig mal eben am Handy zu besprechen – sollen die anderen Zombies halt mithören, ist deren Problem ...

Da ist man fast schon wieder unter Freunden – wenn alle gleich mies draufsind. Eine ganzjährige Zombie-Party, wer braucht da noch Halloween? Als Zombie wird laut Wikipedia übrigens ein Toter bezeichnet, der wieder zum Leben erweckt worden ist und ähnlich einem Wiedergänger als ein seiner Seele beraubtes, willenloses Wesen herumgeistert. Der Kern des Zombie-Mythos: die Vorstellung, dass Verstorbene nicht nur als Gespenst, sondern durchaus körperlich in diese Welt zurückkehren können. Sie sind, so der Glaube, den Lebenden gegenüber meist böse gesinnt und daher unheimlich.

Ja, etwas seelenlos fühlt man sich immer wieder im überfüllten Zug. Vielleicht sollten die Kinder die Pendler einmal im Jahr ein bisschen aufheitern. Am Tag nach Halloween – mit den gehamsterten Süssigkeiten.

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