Kolumne

Papa-Blog: Wir «Ehrgeizeltern» – eine Replik auf Remo Largo

Remo Largo ist der berühmteste Kinderarzt der Schweiz. Er sagt, viele Eltern würden heute ihre Kinder in den Freizeitstress treiben und damit überfordern. Ist es wirklich so schlimm? 

Jürg Ackermann
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Jugendliche Streicher: Bei einigen fängt die Begeisterung für Musik früh an.

Jugendliche Streicher: Bei einigen fängt die Begeisterung für Musik früh an.

Bild: Sandra Ardizzone

Remo Largo ist eine Institution. In der Schweiz gibt es kaum Eltern, die nach der Geburt ihrer Kinder nicht in seinen Ratgebern geblättert hätten. Man lernt bei «Baby- und Kinderjahren» ja auch so einiges. Wie viel Schlaf sie brauchen, wie sie die ersten Worte erwerben oder wie unterschiedlich sie sich in vielen Dingen entwickeln.

Seit dem letzten Sonntag bin ich mir aber nicht mehr so sicher, was ich von Remo Largo halten soll. Der «Sonntagszeitung» gab er ein viel beachtetes Interview, in dem er vor allem eins machte: schwarz malen.

In den Augen von Largo läuft heute in der Erziehung fast alles schief. Die Kinder sind im Freizeitstress und die Eltern üben sich in Förderwut. Largo suggeriert, Kinder hätten keine Freiräume mehr, um sich zu entfalten, weil die Eltern mit einem überambitionierten Freizeitprogramm aus ihnen kleine Mozarts, Federers oder Ronaldos machen wollen. Stimmt das wirklich?

 Fasziniert auf den ersten Blick

Ich muss vorausschicken: Ich bin in dieser Frage befangen und schreibe unter dem Generalverdacht, zu der von Largo so verpönten Kategorie der «Ehrgeizeltern» zu gehören. Denn unser Zweitgeborener spielt Geige – seit bald einem Jahr.

Was sind das für Eltern, die einen Kindergärtler jede Woche in die Geigenstunde schicken? Die Frage ist völlig berechtigt. Ich wäre ja auch skeptisch, wenn ich das allein von aussen betrachten würde.

Mit der Geigen-Begeisterung unseres Sohnes kam es jedoch so. Als er vor bald vier Jahren an einer privaten Feier ein paar live vorgetragene Geigenstücke hörte, war es um ihn geschehen. «Gige schpiele – so schön gfalle», sagte er noch Tage danach. Er war damals zweieinhalb Jahre alt und wir dachten uns nichts weiter.

Als er dann ein Jahr später zum ersten Mal eine Geige selber in der Hand hielt, leuchteten seine Augen erneut. Und wiederum eineinhalb Jahre später noch viel mehr, als meine Frau per Zufall seinem späteren Geigenlehrer über den Weg lief und fragte, ob er in eine Probestunde kommen dürfe. Seither geht er einmal in der Woche in die Musikschule. Im Dezember hatte er sein erstes kleines Konzert, bei dem sein Lehrer seine sämtlichen Schüler von sechs bis 18 Jahren auftreten liess.

Das erste Stück: «Der Kuckuck und der Esel»

Während ich schon lange den Überblick verlor, welcher Griff bei welcher Note angesagt ist, sprach er nun fast jeden Tag davon, wie es sein würde, wenn er da vorne auf der Bühne stehen würde. Und mit seinem Geigenlehrer sein Stück «Der Kuckuck und der Esel» spielt.

Nicht auszumalen, hätten ihn unmittelbar vor dem Konzert ein paar Viren flachgelegt. Diesem fieberte er nämlich ähnlich entgegen wie Weihnachten. Es ging dann zum Glück alles gut. Er trat auf die kleine Bühne, als gäbe es kein Publikum. Wir sassen in der ersten Reihe und waren mit Sicherheit viel aufgeregter.

Von wo hat er diese Begeisterung? Von mir auf jeden Fall nicht. Meine Frau spielte zwar ein paar Jahre lang intensiv ein Instrument, meine Beziehung zur Musik ist jedoch eine relativ emotionslose, mein Taktgefühl ungefähr so stark entwickelt wie bei einem Feuersalamander oder einem Känguru.

Es wäre mir bis vor kurzem auch nicht im Traum in den Sinn gekommen, das eigene Kind so früh in den Musikunterricht zu schicken. Und doch gehört es jetzt manchmal zu den Höhepunkten der Woche, ihn in die Geigenstunde zu begleiten, wo sich für alle Beteiligten neue Welten auftun: Ein faszinierendes Zusammenspiel von Lehrer und Schüler, von Geigenbogen, Saiten, Griffen und daraus entstehenden ersten Melodien.

Früher war alles besser: Kinderarzt und Autor Remo Largo.

Früher war alles besser: Kinderarzt und Autor Remo Largo.

Foto: Tanja Demarmels

Überhaupt gehört es wohl zu den eindrücklichsten Erfahrungen des Elternseins, zu sehen, wie die Kinder – egal in welchem Bereich – etwas dazulernen und Fortschritte machen. Remo Largo geht das jedoch alles zu weit. Er plädiert praktisch nur noch dafür, Freiräume zu schaffen, die Freizeit der Kinder möglichst unstrukturiert zu belassen.

Er idealisiert dabei die Vergangenheit: Wie früher alles besser war, als die Kinder Nachmittage lang auf Bäumen herumturnten, in Wäldern herum tollten und höchstens einen Fixtermin in der Woche hatten, am Samstagnachmittag in der Pfadi.

Es mag sein, dass einige Kinder tatsächlich unter Freizeitstress leiden. Und dass Eltern Dinge in sie hineinprojizieren, die sie in ihrem Leben selber nie erreicht haben. Dass das oft schief geht, dass man die eigenen Kinder nicht zu etwas zwingen kann, für das sie weder ein Minimum an Talent noch ein Minimum an Hingabe aufbringen – für diese Erkenntnis braucht man jedoch keinen Kinderarzt, sondern höchstens ein bisschen gesunden Menschenverstand.

Wer keine Hobbys hat, starrt stundenlang aufs Handy

Die Erfahrung auch von anderen Eltern zeigt aber auch: Viele Kinder wollen gefördert werden. Im Fussball, im Tanz, im Ballett, im Aikido, im Fechten, im Tennis, wo auch immer. Sie wollen Fertigkeiten entwickeln, besser werden in Dingen, die sie gerne machen und an die man als Eltern vielleicht gar nicht denkt, weil es ausserhalb der eigenen Vorstellungskraft liegt, für was man sich im Leben auch noch interessieren kann.

Wenn Kinder keine Hobbys betreiben, die sie lieben, werden sie als Teenager vor allem eins machen: Jeden Tag stundenlang gamen oder sonst aufs Handy starren, weil sie nichts Anderes haben, das sie begeistert. Aber das ist vielleicht auch schon wieder – ganz in der Tradition steiler und reisserischer Thesen à la Largo – viel zu schwarz gemalt.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (8 und 6) in St. Gallen.