Kolumne

Papa-Blog: Kinder sind keine Rassisten – die Vorurteile kommen von den Erwachsenen

Der ganzen Rassismus-Diskussion täte ein bisschen Entspannung gut. Dabei könnte ein Blick auf kleine Kinder helfen. Sie beurteilen Menschen nie danach, aus welchem Land sie kommen.

Jürg Ackermann
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Alltag in Kindergarten und Schule: Kinder aus verschiedenen Ländern spielen zusammen.

Alltag in Kindergarten und Schule: Kinder aus verschiedenen Ländern spielen zusammen.

Bild: Getty

In St.Galler Schulen geht es international zu und her. Das zeigt nicht nur ein Blick auf die Statistik, sondern auch der Freundeskreis meiner Kinder. Der Kleinere hat gerade einmal ein engeres Kindergartengspänli, bei dem beide Elternteile einen Schweizer Pass haben. Seine besten Freunde stammen – so wie er selber – oftmals aus binationalen Ehen oder Partnerschaften. Sie haben Wurzeln im Libanon, in Deutschland, im Iran, in Österreich, in China, Russland oder Schweden.

Ist das ein Problem? Nicht wirklich. Denn Kommunikationsschwierigkeiten gibt es kaum: Die meisten dieser Kinder sprechen trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft gut Deutsch. Und Sechsjährigen käme es nie in den Sinn, Menschen danach zu beurteilen, aus welchem Land sie kommen.

Im Vordergrund stehen andere Fragen: Kann der andere mit mir einen Lego-Turm bauen? Will er in der Pause «rumräubern»? Ist er nett zu mir oder zu anderen? Kann ich mit ihm Spass haben?

Schon der Höhlenbewohner hielt seine Gruppe für überlegen

Diese zufälligen Beobachtungen werden durch die Forschung gestützt. So sehr sich der Mensch immer wieder abgrenzen will und Unterschiede braucht, um sich seiner eigenen Identität zu vergewissern, ist Rassismus nicht naturgegeben – auch wenn wohl schon der Höhlenbewohner vor 10'000 Jahren seine eigene Gruppe für überlegen hielt.

Babys und Kleinkinder besitzen jedoch noch keine rassistischen Vorstellungen, sie erwerben diese durch Erfahrungen und Sozialisierung im Laufe ihres Lebens.

Schon der Kinderpsychologe Jean Piaget wies in Experimenten vor bald 100 Jahren darauf hin: Kleinkinder nehmen zwar Unterschiede zwischen den Menschen wahr, bewerten diese jedoch noch nicht.

Die «Yo-Männer» und die Schweizer

Auch mein jüngerer Sohn weiss natürlich, dass Menschen sich unterscheiden, beispielsweise in der Hautfarbe. Doch das spielt keine Rolle. Entscheidend auf seiner Bewertungsskala sind andere Kategorien, im Moment gerade der Coolness-Faktor, nach dem er Leute kategorisiert.

Zuoberst auf seiner Skala stehen die «Yo-Männer», nach der Hip-Hop-Grussformel «Yo Man» benannt, die er irgendwo mal aufgeschnappt hat. Das sind die ganz Coolen, die über allem stehen und sich zum Gruss auch mal «Hey Dicker Alter» zurufen.

Dazu gehören aber auch die «Angemalten», Menschen mit Tätowierungen also, die in der Wahrnehmung meines Sohnes zwar aussergewöhnlich, aber auch irgendwie suspekt sind, weil er sich nicht vorstellen kann, dass man sich freiwillig Nadeln in die Haut stechen lässt.

Weiter gibt es auf seiner Skala die «Mittlerischen». Das sind alle, die weder cool noch langweilig sind. Und letztlich auch die «Schweizerischen», das für alles Nicht-so-Aufregende aber auch Sichere steht wie beispielsweise der Schellenursli, der ihn mit seinen Glocken und Geissen mittlerweile langweilt, aber halt auch ein Stück Heimat vermittelt.

Als sein Papa habe ich es in verschiedenen Bereichen bereits in alle diese Kategorien geschafft.

Feststeht: Nationalität spielt in dieser Helden-Kategorie meines Sohnes keine Rolle. Als ich in den späten 1980er Jahren beim FC Arbon bei den C- und B-Junioren Fussball spielte, war das ja nicht viel anders. Im Tor standen abwechslungsweise Engin (aus der Türkei) und Jésus (Spanien), im Mittelfeld und Sturm zogen neben Marco und Roman die Italiener Pietro und Pasquale die Fäden und erzielten viele Treffer, dank denen wir vorne in der Tabelle mithalten konnten.

Wenn wir gegen Amriswil, Flawil oder Bütschwil spielten, waren wir ein verschworenes Team. Niemandem wäre es in den Sinn gekommen, zu fragen, ob die Vorfahren des Mitspielers seit Generationen im Thurgau wohnten oder seine Eltern aus dem Bosporus, Sizilien oder Andalusien eingewandert waren. Hauptsache er konnte einen geraden Pass spielen – oder noch besser – so wie Pietro den Gegner schwindlig dribbeln.

Was wäre, wenn ich im unteren Niger-Delta geboren wäre?

Vielleicht täte eine kleine Entspannung in der aufgeregten Rassismus-Diskussion gut, gerade auch mit Blick auf die Kinder, die solche Vorurteile nicht mit auf die Welt bringen, sondern sie nur haben, weil sie bestehende Bewertungen übernehmen, die irgendwann von Erwachsenen «erfunden» wurden. Und die sich über sich ständig wiederholende Diskurse derart verfestigt haben, dass sie kaum mehr aus den Köpfen zu bringen sind.

Denn so wie die Vorurteile irgendwann entstanden sind, so könnten sie ja auch wieder verschwinden. Zumindest in der Theorie. In der Praxis ist jedoch alles viel komplizierter. Schon der grosse Albert Einstein meinte:

«Es ist einfacher, ein Atom
zu spalten, als ein Vorurteil
aus der Welt zu schaffen.»
Albert Einstein

Albert Einstein

Bild: Imago Images

Überhaupt: Wenn es um die eigene Herkunft, die eigene Identität oder um die «Heimat» der eigenen Kinder geht, hört der Spass auf. Da stösst man immer ganz schnell auf grundlegende Fragen des Lebens:

Was wäre aus mir geworden,
wenn ich im unteren Niger-Delta und nicht im oberen Thurgau das Licht der Welt erblickt hätte?

Und was wenn meine Frau und ich uns nicht kennen gelernt hätten? Gäbe es unsere Kinder dann nicht – oder vielleicht doch? Wären sie als Achmed oder Ergin in Ankara auf die Welt gekommen oder als Lee oder Han in Schanghai, einfach in einer anderen Hautfarbe?

War alles Schicksal, Vorhersehung oder doch nur Zufall? Antworten darauf gibt es wahrscheinlich nicht. Sicher ist nur eins: In der Welt meines sechsjährigen Sohnes bin ich nicht immer ein «Yo Man». Aber für einen Mittvierziger ist das vielleicht auch gar nicht so schlimm

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (8 und 6 ) in St. Gallen.

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