Kolumne

Papa-Blog: In welchem Jahrhundert leben wir, dass wir noch über einen Vaterschaftsurlaub diskutieren?

Junge Frauen sind heute besser ausgebildet als junge Männer. Und dennoch verfallen viele in alte Rollenmuster, wenn die Kinder kommen. Warum ist das so? Und was hat das mit dem Vaterschaftsurlaub zu tun?

Jürg Ackermann
Drucken
Teilen

Bild: Imago Images

Achtung: Heute wird der Papa-Blog politisch. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Kaum je gab es eine Abstimmungsvorlage, von der das Vatersein so unmittelbar betroffen war wie am 27. September. Dann stimmen wir nämlich darüber ab, ob auch in der Schweiz – als einem der letzten Länder der Welt – zwei Wochen bezahlte Ferien erhält, wer Papi wird.

Wobei der Begriff «Ferien» hochgradig irreführend ist. Die Geburt meiner Söhne liegt zwar schon ein paar Jahre zurück. Doch ich kann mich nicht daran erinnern, dass mich damals kurz vor dem Gang in den Kreissaal unbeschwerte Urlaubsgefühle befallen hätten, als würde ich auf die Seychellen fliegen.

Ich nahm jeweils zwei Wochen frei, um bei der Geburt dabei zu sein und meine Frau in den ersten, intensiven Tagen zu unterstützen. Das war vor allem bei der Ankunft des zweiten Kindes wichtig. Wer hätte sich sonst um den Erstgeborenen kümmern sollen, der mich damals ganz besonders brauchte?

Die Mama war im Spital und die Geburt eines Geschwisters ihm anfänglich ziemlich suspekt. Wahrscheinlich ahnte er schon, obwohl erst zweieinhalbjährig, dass er die elterliche Aufmerksamkeit fortan teilen musste.

Immerhin wirkte ein altbekannter Trick, um die brüderliche Bande zu stärken. Als ich ihn ein paar Stunden nach der Geburt ins Spital mitnahm, lag schon ein grosses Geschenk für ihn parat. «Schau, wie nett dein Bruder ist: Er kommt auf die Welt und bringt dir einen coolen Lastwagen mit!»

Wenige Frauen sehnen sich kurz nach der Geburt ins Büro zurück

Natürlich kann man sagen: Wir Väter in der Schweiz haben bisher ganz gut überlebt ohne Vaterschaftsurlaub. Und viele beziehen mit Freuden ein paar Wochen Ferien für so grosse Ereignisse wie die Geburt der eigenen Kinder. So war das auch bei mir. Aber manchmal frage ich mich schon, in welchem Jahrhundert wir eigentlich leben, dass wir überhaupt noch über solche Fragen diskutieren müssen.

Es geht beim Vaterschaftsurlaub ja weniger um den finanziellen Zuschuss als vielmehr um die Symbolik, die dahinter steht, die aber umso wichtiger ist. Denn heutige Väter wollen in der grossen Mehrheit von Anfang an dabei sein, wenn die Kinder aufwachsen.

Ein Staat, der das Vater-Werden aber derart gering schätzt und gerade einmal einen Tag gesetzlichen Urlaub dafür vorsieht wie beim Zügeln, sendet ein fatales Zeichen aus.

Gerade auch in Richtung Gleichstellung. Er zementiert Rollenbilder, die wir ja eigentlich überwinden wollen.

Besonders verwunderlich ist in dieser Frage die Haltung der FDP, die sich selber als gesellschaftspolitisch fortschrittliche Kraft sieht. Die Partei lehnt den Vaterschaftsurlaub ab. Einige Freisinnige schlagen stattdessen eine gemeinsame Elternzeit von 14 Wochen vor. Als wäre es ein realistisches Szenario, dass Frauen schon acht oder zehn Wochen nach der Geburt wieder arbeiten gehen.

Yahoo-Chefin Marissa Mayer: Zwei Wochen nach der Geburt der Kinder zurück im Büro.

Yahoo-Chefin Marissa Mayer: Zwei Wochen nach der Geburt der Kinder zurück im Büro.

Bild: Lionel Cironneau/AP

Ich weiss nicht, in welcher Welt diese Politiker leben, aber mir ist ausser Yahoo-Chefin Marissa Mayer und SVP-Unternehmerin Magdalena Martullo-Blocher keine Frau bekannt, die sich wenige Wochen nach der Geburt des Kindes ins Büro zurücksehnte. Die Realität ist eine ganz andere: Viele Frauen nehmen zum 14-wöchigen Mutterschaftsurlaub noch zwei, drei Monate unbezahlte «Ferien», um die erste, so intensive Zeit mit ihren neugeborenen Kindern verbringen zu können.

Papa ist der Haupternährer, Mama hat nur ein Kleinpensum

In einem Punkt haben die Gegner des Vaterschaftsurlaubs jedoch Recht. Er ist ein wichtiger aber längst nicht der entscheidende Faktor auf dem Weg zur Gleichstellung. Viel bedeutender ist, wie sich Paare organisieren, wenn das erste halbe Jahr nach der Geburt einmal vorbei ist.

Und da zeigt sich, gerade in ländlich geprägten Gebieten wie der Ostschweiz, noch immer erstaunliches: Obwohl junge Frauen heute oftmals besser ausgebildet sind als junge Männer, fallen sie in traditionelle Rollenbilder zurück, sobald Kinder da sind: Papa ist der Haupternährer, Mama kehrt, wenn überhaupt, mit einem Kleinpensum ins Arbeitsleben zurück. Und verbaut sich so viele Karrierechancen.

Warum das so ist, darüber kann man nur spekulieren. Ich mag einfach nicht recht daran glauben, wie das von linker Seite in einem Anflug von politischer Fantasielosigkeit stets wiederholt wird, dass an dieser ungleichen Rollenverteilung der Staat schuld ist. Weil er zu wenig Krippenplätze zur Verfügung stellt oder den Familien andere Stolpersteine für eine bessere Vereinbarkeit von Kind und Beruf in den Weg stellt.

Mir ist auf jeden Fall keine Familie bekannt, die nicht innert nützlicher Frist einen Krippenplatz gefunden hätte, wenn sie denn wollte.

Besonders wacklig ist in diesem Zusammenhang das Argument, es lohne sich gar nicht, wenn beide Eltern arbeiten, weil ein grosser Teil des Zweitlohnes durch die Krippenkosten aufgefressen werde.

Das mag vielleicht anfänglich so sein, doch hohe Krippenkosten fallen nur während einer sehr beschränkten Zeit an. Schon mit vier Jahren kommen die Kinder in den Kindergarten und die Kosten reduzieren sich, auch dank den zunehmend ausgebauten Tagesstrukturen an Schulen, massiv.

Zudem ist eine Rückkehr der Frau ins Erwerbsleben für viele Paare eine Investition in die Zukunft. Sie wissen: Wer jahrelang weg ist vom Arbeitsmarkt, dem fällt der Wiedereinstieg umso schwerer. Von den entsprechenden Lohneinbussen nicht zu reden.

Ein freier Tag mit den Kindern - das grosse Glück

Meine Frau und ich hatten das Glück, dass wir neben der Krippe bei der Kinderbetreuung auch auf die grosszügige Unterstützung der Grosseltern zählen konnten. Ein Jahr nach der Geburt des ersten und sechs Monate nach der Geburt des zweiten Kindes waren wir beide mit einem relativ hohen Teilzeitpensum wieder arbeitstätig.

Wenn ich werdenden Vätern einen Tipp geben müsste, dann diesen: Kämpft auf jeden Fall um ein Teilzeitmodell, geht, wenn immer das möglich ist, nicht 100 Prozent arbeiten.

Nichts hat meine Bindung zu den Kindern so gestärkt wie dieser eine freie Tag unter der Woche, an denen ich mit meinen Söhnen alleine war: Wir sind mit der Fähre nach Friedrichshafen gefahren, haben stundenlang Fussball und Tischtennis gespielt; wir sind in den Zoo und Skifahren gegangen, haben zusammen Kuchen gebacken oder Nachmittage lang in der Badi verbracht.

Natürlich nicht in den ersten zwei Wochen nach der Geburt. Aber schon sehr bald danach. Das ändert aber nichts daran, dass ich am 27. September klar Ja zum Vaterschaftsurlaub sagen werde.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (9 und 6) in St. Gallen.

Mehr zum Thema
Kolumne

Papa-Blog: Wenn das Chaos regiert

Manchmal bleibt einem Vater im Alltagsdurcheinander mit drei Kindern nichts anders übrig, als so zu tun, als habe er alles im Griff. Auch wenn längst alles ausser Kontrolle geraten ist. Ein Beispiel aus den Ferien.
Ralf Streule
Kolumne

Papa-Blog: Lasst die Kinder in Ruhe!

Gute Eltern sind faule Eltern. Faul im Sinne des englischen Autors Tom Hodgkinson. Der Meister des Müssiggangs hat den einzigen Erziehungsratgeber geschrieben, den man kennen muss.
Roger Berhalter
Mehr zum Thema