Kolumne

Papa-Blog: Donald Trump ist
bald weg – ein Vorbild für Kinder war er nie

Kinder orientieren sich gerne an bekannten Leuten, die oft im Fernsehen kommen. Das Zeug zum Vorbild hatte der abgewählte
US-Präsident nie. Im Gegenteil: Er verkörperte stets das, was Eltern ihren Kinder auf keinen Fall beibringen wollen.

Jürg Ackermann
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Donald Trump während seines Auftritts in der Wahlnacht

Donald Trump während seines Auftritts in der Wahlnacht

Bild: epa

Den entscheidenden Punkt streifte mein Sohn am Donnerstag Morgen morgen kurz vor sieben Uhr in der Küche. Er war noch im Pyjama und ich presste gerade das Kaffeepulver in den Kolben, als er mich fragte: «Gell, Papa, die goldenen Haare von Trump, sind nicht echt? Die hat er doch irgendwo gekauft.»

Das brachte mich auf eine interessante Frage: Was war - jetzt wo ein Ende seiner Präsidentschaft in Sicht ist - an Trump überhaupt echt? Was ist er für ein Vorbild, gerade auch für unsere Kinder, die sich gerne an bekannten Personen wie Sportler, Showstars oder Politikern orientieren?

Das ist eine nicht unwesentliche Frage, denn Eltern versuchen ihren Kindern ja mit viel Aufwand und Liebe, ein paar Werte mit auf den Weg zu geben. In langen Gesprächen am Mittagstisch, mit dem Mahnfinger oder am besten mit dem eigenen Verhalten, das Kinder mit Argusaugen beobachten und gerne als Massstab nehmen.

Ein paar dieser Werte wollen wir nun auf den Trumpschen Prüfstand stellen.

1. Du sollst nicht lügen

Als Vater regt es mich jedes Mal auf, wenn ich meine Söhne frage: Habt ihr die Zähne geputzt? Die Hände vor dem Mittagessen gewaschen? Und ich ein Zögern, eine Antwort erhalte, bei der ich erahne, dass sie höchstens halb stimmt.

Wie stand es diesbezüglich um Trump? Nicht so gut. Sogar miserabel. Ein bisher letztes Beispiel, dass es der US-Präsident mit der Wahrheit nie genau nahm, lieferte er in der Wahlnacht und nun in der Nacht auf Freitag, als er sich zwei Mal zum Wahlsieger erklärte, obwohl die Resultate offensichtlich etwas anderes sagen. Als er zwei Mal behauptete, er werde betrogen. Dabei weiss er genau, dass in der ältesten Demokratie der Welt beim Auszählen alles mit rechten Dingen zu und hergeht, zumal Republikaner und Demokraten den Wahlprozess gleichermassen überwachen.

Während seiner Amtszeit behauptete Trump so viele Dinge, die jeglicher Grundlage entbehrten. Journalisten versuchten sie aufzuzählen, es wurde ein ganzes Dossier. Fazit: Als Vorbild völlig untauglich.

2. Du sollst nicht nur an dich denken

Es ist für Kinder schwierig, den Egoismus zu überwinden, mit anderen zu teilen. Empathie ist ein Lernprozess, Teil auch einer erfolgreichen Integration in die Gesellschaft. Und er braucht viel Zeit.

Teilen war sicher nicht unbedingt eine Kernkompetenz von Trump, schon gar nicht mit anderen Ländern oder der Weltgemeinschaft. «America first», lautete die Devise. Für Kinder übersetzt heisst das: «Von unserer Schokolade geben wir euch sicher nichts. Wir verhandeln so lange, bis wir das grössere Stück haben.» Fazit: Trump ist in diesem Punkt als Vorbild untauglich.

3. Du sollst auch mal Gemüse essen

Trumps kulinarische Vorlieben waren relativ einfach: Ein gut durchgebratenes Steak mit Ketchup, das ihm fast überall auf der Welt auf Staatsbesuchen serviert wurde. Dazu Pommes, eine grosse Cola und zum Dessert ein Schokokuchen.

Die Kinder würden nicht aus dem Staunen herauskommen, wenn sie wüssten, was der mächtigste Mann der Welt so oft isst. Und sie würden ihn dafür lieben.

Doch bei allen nur halbwegs gesundheitsbewussten Eltern schrillen hier die Alarmglocken. Jeden Tag mindestens ein Stück Gemüse sollte schon auf den Teller. Und zum Znüni und Zvieri ein paar Früchte. Deshalb: Als Vorbild untauglich.

4. Du sollst nicht angeben und demütig sein

Während Trumps Amtszeit war alles «great»: Amerika, seine politischen Visionen, seine Entscheide und natürlich auch seine Frisur. Selbstkritik und Demut sind Begriffe, die Trump in seinem Leben kaum je angewendet haben dürfte.

Auf dem Pausenplatz und später im Erwachsenen-Leben sind sie jedoch gleichermassen verpönt, die «Bluffer», die ihre Leistungen viel rosiger darstellen, als sie in Wirklichkeit sind, die das Gefühl haben, das Universum drehe sich um sie, die in ihrer Selbstbezogenheit nicht merken, wie sie andere vor den Kopf stossen.

Darum halten Eltern ihre Kinder dazu an, das eigene Licht auch mal unter den Scheffel zu stellen. Fazit: Trump ist hier als Vorbild untauglich.

5. Du sollst nicht zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen

Darf ich heute gamen? Oder zwei Stunden Fernsehen? Wann bekomme ich endlich ein eigenes Handy? Die Digitalisierung bringt es mit sich: Die ständigen Diskussionen um Bildschirmzeit ist in vielen Familien zur grössten Konfliktlinie zwischen Eltern und Kindern geworden.

Wenn Eltern nicht einschreiten oder ein Zeitlimit festlegen, würden Kinder am liebsten stundenlang vor der Flimmerkiste hocken oder ins Smartphone starren und sich mit allerlei Dünnem und Hochwertigem berieseln lassen.

Das machte auch Trump. Mindestens vier Stunden am Tag, so berichteten Insider aus dem «Weissen Haus». Das erste Mal schaltete er den Fernsehen meist gleich nach dem Aufstehen um halb sechs ein, bald danach setzte er meist schon die erste Nachricht auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ab.

Trumps bevorzugtestes Kommunikationsmittel: Der Kurznachrichtendienst Twitter.

Trumps bevorzugtestes Kommunikationsmittel: Der Kurznachrichtendienst Twitter.

Bild: Matt Rourke / AP

Das Fazit: Als Vorbild taugt Trump definitiv auch hier nicht. Er führte ein Leben, um das ihn die meisten Kinder aber beneiden würden: Cola trinken, Pommes essen, nicht teilen müssen, so viel Bildschirmzeit wie nur geht. Und immer gewinnen wollen.

Haben nur Dumpfbacken Donald Trump gewählt?

Zugegeben: Manchmal schaute ich Trump gerade auch deswegen fast schon gebannt zu. Wie er immer alles so machte, wie er es für richtig hielt, wie er sich beispielsweise gegen die sich anbahnende Vormachtstellung Chinas auflehnte, wie er für amerikanische Arbeitsplätze kämpfte, die wegen der Globalisierung nach Asien verlegt werden. Wie er instinktiv die Frustrationen, Ängste und Sorgen vieler Leute erkannte.

Irgendetwas musste ja dahinter stecken, dass ihm auch dieses Mal fast die Hälfte der Amerikaner die Stimme gaben. Die in Europa so verbreitete These, dass das alles Dumpfbacken sind, leuchtete mir nie ein.

CNN-Reporter Van Jones brachte es am Samstag Abend, als Bidens Wahl definitiv feststand, in einem emotionalen Statement auf den Punkt: «Jetzt, wo Trump bald weg ist, ist es für Eltern einfacher, den Kindern zu erklären, dass es darauf ankommt, Charakter zu haben, nicht zu lügen, zu versuchen, ein guter Mensch zu sein.»

Trump hat zweifellos grosses Talent zum Unterhalter, aber am Schluss wohl den falschen Beruf gewählt. Statt Präsident zu werden, wäre er besser im Showbusiness geblieben. Auch seine goldenen und – wie mein Sohn vermutet – gekauften Haare würden nach wie vor gut dazu passen.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen (9 und 6) in St.Gallen.

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