Kommentar
Alles dicht, alles zu? Nein, der Staat wird uns nicht vor Corona retten

Der Bundesrat hat diese Woche Augenmass bewiesen, auch dank Druck aus der Ostschweiz. Jeder weiss, was zu tun und zu lassen ist. Hoffentlich genügt das jetzt.

Stefan Schmid
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Stefan Schmid

Stefan Schmid

Hanspeter Schiess

Es muss ein Traum sein für all jene, die schon immer der Auffassung waren, der Staat habe unser Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Endlich darf man aufgrund der hohen Ansteckungszahlen hemmungslos Interventionen fordern – bis hin zum kompletten Freiheitsentzug, wie er im Ausland da und dort bereits stattgefunden hat.

Manche scheinen einen neuerlichen Lockdown des öffentlichen Lebens förmlich herbeizusehnen.

Alles dicht, alles zu. Im Namen einer höheren Gerechtigkeit, Amen!

Maskenpflicht für alle überall, auch auf der Joggingstrecke im Wald. Hunderte neue Angestellte bei den Kantonen, welche die Rückverfolgung von Infektionsketten sicherstellen sollen. Aber subito! Zehntausende in Quarantäne, bis die Gefahr vorüber ist. Schön wär’s, könnte der Staat die Pandemie in diesem Stadium einfach mit ein paar Handgriffen wegzaubern.

Zum Glück ist gerade in der Ostschweiz der Glaube an die Allmacht des Staates begrenzt.

Dass der Bundesrat am Mittwoch im Vergleich zu den französischen und deutschen Nachbarn massvolle Entscheide gefällt hat, ist nicht zuletzt auf den hartnäckigen Widerstand aus der freiheitsliebenden, individualistischen Ostschweiz zurückzuführen.

Das ist nicht einfach Kleinkrämergeist, wie nun unterstellt wird. Man läuft nicht mit offenen Augen ins Verderben. Man glaubt hier einfach weniger daran, dass der Staat den Menschen alles vorschreiben muss, was diese zu tun oder zu lassen haben.

Gefragt ist mehr denn je individuelle Verantwortung. Die Abgesänge auf unsere Umsicht sind verfrüht. Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Die Massnahmen, die diese Woche ergriffen wurden, beginnen erst in den kommenden Tagen zu greifen.

Viele Menschen handeln vernünftig. Masken werden getragen, Abstände eingehalten, Party macht kaum jemand mehr. Die Menschen sind nicht blöd, sie brauchen keinen Betreuer, der sie im Namen der Pandemiebekämpfung ins Paradies geleitet.

Schauen wir aufeinander. Auf unsere Liebsten, auf uns selbst. Jeder und jede hat es in der Hand. Dann schaffen wir das auch ohne Lockdown. Hoffentlich.