Liebe Klimajugendliche, ein bisschen Stand-up-Paddeln macht euch noch nicht zu Jesus

In ihrer Montagskolumne schreibt Patti Basler über den Unterschied von Nacktwandern und der Personenfreizügigkeit und fragt die Klimajugend, was sie so und für wen gemacht hat.

Patti Basler
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Patti Basler: «Wenn sich alles um einen dreht, könnte das ein Zeichen dafür sein, dass man selber still steht.»

Patti Basler: «Wenn sich alles um einen dreht, könnte das ein Zeichen dafür sein, dass man selber still steht.»

Keystone

Es wurde abgestimmt in der Schweiz an diesem Wochenende. Dem Schweizer Volk wurde wieder einmal das Gefühl vermittelt, die Ge­schicke der Welt mitbestimmen zu können. Wobei man den Appenzellern nochmals einschärfen musste, dass es sich bei der Personenfreizügigkeit nicht um Nacktwandern im Alpstein handelte. Und euch Jungen musste man erklären, dass es nicht um einen potenziellen Bi(e)ber-Abschuss ging, bei dem Justin mitgemeint ist.

Und was habt ihr gemacht? Zelte aufgestellt, Transparente gemalt, eine Demo organisiert, illegalerweise. Wahrscheinlich hat euch einfach das Gurten-Open-Air gefehlt dieses Jahr.

Die Schule habt ihr geschwänzt, denn ihr scheint ja die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben. Ihr benehmt euch, als wäre es wahnsinnig wichtig, was ihr hier veranstaltet. Als wärt ihr der Nabel der Welt. Als hätte diese Welt nur darauf gewartet, dass ihr für sie demonstriert. Dabei tut ihr es nur für euch.

Etwas mehr Methan und Kohlendioxid in der Luft

Patti Basler.

Patti Basler.

Keystone

Lasst euch von einer alten Dame gesagt sein: Vielleicht seid ihr tatsächlich der Nabel der Welt, dort, wo sich Abfall und Flusen sammeln, dort, wo die Sonne selten hinscheint. Natürlich dreht sich alles um euch. Wenn sich alles um einen dreht, könnte das ein Zeichen dafür sein, dass man selber still steht. Eure basisdemokratische Organisation ist fast so träge wie die Schweizer Demokratie. Da sind andere Organismen dann doch schneller und gewandter, anpassungs- und überlebensfähiger.

Ihr beginnt ja schon zu hecheln eines winzigen Virus wegen. Ein Temperaturanstieg von lächerlichen zwei Grad bringt euch ins Schwitzen. Etwas mehr Methan und Kohlendioxid in der Luft, und schon scheint ihr zu kollabieren. Mir persönlich wäre es egal, wenn die Meeresspiegel anstiegen, wenn Venedig, die Malediven und Lugano versenkt würden.

Für mich heisst das Ambrosia auf meiner Haut statt das ewige Edelweisshemd, kriegerische Tigermücken statt langweilige Hausfliegen. Die Natur freut’s. Es wird nicht weniger, sondern mehr Biodiversität geben, es wird kochen und brodeln vor Fruchtbarkeit. Mikroorganismen, Bakterien, Insekten, Reptilien werden in nie da gewesener Fülle die bisher gemässigten Zonen bevölkern. Mir soll’s recht sein.

Klimawandel oder Klimakterium

Extreme Wetterereignisse? Besser als Wildwasserbahnfahrten. Atommüll? Strahlende Zukunft! Plastik im Meerbusen? Ich nenne es Plastic Surgery. From Bosom to Belly to Silicon Valley. Klimawandel oder Klimakterium ist ja im Grunde dasselbe, einige Feuchtgebiete werden trocken gelegt, an anderen Stellen werden die Ufer geflutet. Aber was versteht ihr Jungen davon?

Für einige grössere Säugetiere könnte es eng werden. Vor allem für euch, liebe Klimajugend­liche.

Eure Eltern und Grosseltern haben euch eine Welt aufgebaut, in der ihr leben könnt wie die Maden im Speck. Eine prosperierende Wirtschaft, ein funktionierender Staat, ein gemachtes Nest, das wärmer ist, als manche davon träumen können.

Die alten Menschen werden nicht mehr profitieren

Und nun wollt ihr das alles ändern, System Change statt Climate Change, eine einzige grosse Abänderung. Viele meinen, ihr macht es für den Planeten. Für die Natur. Edel und uneigennützig. Sozial, tier- und pflanzenliebend. Doch ein bisschen Stand-up-Paddeln macht euch noch nicht zu Jesus.

Ihr seid eigennützig und egozentrisch. Ihr habt nur eure Interessen im Fokus. Denn die alten Menschen werden nicht mehr profitieren vom Stopp des Klimawandels. Die Tiere und Pflanzen merken es wohl nicht einmal, wenn sie aus­sterben. Alles ginge den Gang der Evolution.

Die einzigen, die vom Systemwechsel profitieren würden, wärt ihr: die Menschen. Die jungen Menschen. Und eure Nachkommen. Denn es dreht sich doch alles nur um euch. Ihr seid der Nabel der Welt.

Ich hingegen drehe mich weiter um mich selbst und sehe dem Ende der kurzen Menschheitsära gelassen entgegen.

Es grüsst: Mutter Erde

PS. Wenn um euch alles versinkt, merkt ihr, dass es am Nabel am meisten stinkt.