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Kolumne

Lernen Gymnasiasten wirklich das Falsche?

Mario Andreotti*

Die Gymnasien seien beliebt wie nie zuvor. Doch was an ihnen unterrichtet werde, sei zum Teil veraltet, zum Teil sogar mangelhaft. So die ein­hellige Meinung von Bildungsexperten, für welche die gymnasiale Matura, einst das Prunkstück des Schweizer Schulsystems, nicht mehr zeitgemäss ist und daher so bald als möglich erneuert werden muss. Denn die Welt habe sich grundlegend verändert – eine Veränderung, auf welche die Gymnasien bisher noch keine Antwort gefunden hätten. In ihren Lehrplänen fänden sich überholte Vorstellungen von ­Allgemeinbildung, die als Grundlage für eine Bildung, die auf ein Hochschulstudium vorbereiten solle, nicht mehr brauchbar seien.

An diesem Verdikt der Bildungsexperten ist einiges richtig und vieles falsch. Es ist sicher richtig, dass die Gymnasien ihr Fächerangebot angesichts einer sich rasant wandelnden Gesellschaft mit ständig neuen Anforderungen an den Einzelnen immer wieder überprüfen. Und es ist ebenso richtig, dass Fächer wie politische Bildung und Philosophie, die in den letzten Jahrzehnten marginalisiert oder ganz abgeschafft wurden, eine Aufwertung erfahren. Falsch ist aber die Behauptung, die Vorstellung von Allgemeinbildung, wie sie sich in den Lehrplänen der Gymnasien finde, sei überholt. Und dies aus dem einfachen Grunde, weil damit Ausbildung und Bildung verwechselt werden. Bei der Ausbildung geht es um beruflich direkt verwertbares und abfragbares Spezialwissen, bei der Bildung aber um ein ganzheitliches Wissen, das primär persönlichkeitsformend ist und das Selbstverständnis und Verhalten des Menschen prägt. Das Letztere – es kann nicht genug betont werden – ­haben die Gymnasien zu leisten, wie dies im teilrevidierten Maturitätsanerkennungsreglement (MAR) von 2007 festgehalten ist, wo es in Artikel 5 unter anderem heisst, «die Schulen streben eine breitgefächerte, ausgewogene und kohärente Bildung an, nicht aber eine fachspezifische oder berufliche Ausbildung».

Wenn nun einige Bildungs­experten fordern, Gymnasiasten müssten beispielsweise Unternehmensanalysen erstellen oder geeignete juristische Fälle bearbeiten können, so verwechseln sie dies mit dem Auftrag von Berufsschulen oder höheren Fachschulen. Sie weisen berufliches Spezialwissen als Bildung aus und reduzieren damit die humanistische Bildungsidee, an der sich die Gymnasien zu Recht orientieren, auf blosse berufsrelevante Information. Besonders deutlich wird das an der allseits geforderten Aufwertung von Informatik, Wirtschaft und Recht, von Fächern also, die primär ein Wissen vermitteln, das dem Nützlichkeitsprinzip gehorcht. Dabei ist gegen diese Fächer nicht grundsätzlich etwas einzuwenden; aber wenn rein pragmatisches Denken den Fächerkanon der Gymnasien zunehmend bestimmt, so dass für Fächer wie etwa Geschichte, Literatur und bildende Kunst, aber auch Latein, weil sie scheinbar keinen praktischen Nutzen bringen, kaum mehr Raum bleibt, dann ist Widerstand angesagt. Die Gymnasien haben sich, wenn sie junge Menschen umfassend auf ein Hochschulstudium und damit auf die Wissenschaft vorbereiten wollen, immer wieder zu fragen, ob ihre Bildungsinhalte in sich sinn- und werthaltig oder bloss nützlich sind. Im Fremdsprachenunterricht muss es beispielsweise um mehr gehen, als dass Schüler auf Englisch oder Französisch ein Bier bestellen können, nämlich um ein vertieftes Verständnis für Sprache und Kultur eines fremden Landes. Für die «Civilisa­tion», wie das die Franzosen nennen. Darin zeigt sich wahre humanistische Bildung.

Die Gymnasien laufen Gefahr, vor lauter tabuloser Überprüfung des Fächerkanons, wie das Bildungsexperten fordern, jene Fächer zu marginalisieren, die dem reinen Aktualitäts- und Nützlichkeitsdenken nicht folgen. Sie werden klarer als bisher definieren müssen, welcher Bildungskanon unabdingbar ist, um die Studierfähigkeit ihrer Absolventen zu erreichen. Dann wird sich womöglich zeigen, dass ihr heutiges Fächerangebot nicht so falsch ist, wie uns einige Kritiker, die sich gerne in Szene setzen, einreden wollen.

* Mario Andreotti ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur und Buchautor

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