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Kolumne

Lasst sie endlich wieder unterrichten!

Immer mehr Lehrer ohne entsprechende Ausbildung kommen zum Einsatz. Der Beruf droht so abgewertet zu werden.
Mario Andreotti
Mario Andreotti, Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor

Mario Andreotti, Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor

Keine Frage: Der Lehrermangel, der uns heute schon auf allen Stufen begegnet, spitzt sich weiter zu. Das Bevölkerungswachstum geht weiter, während viele Lehrkräfte aus geburtenstarken Jahrgängen pensioniert werden. Bis ins Jahr 2025 werden in der Schweiz 100 000 Kinder mehr zur Schule gehen, die 2000 zusätzliche Lehrkräfte benötigen. Und die werden kaum in der notwendigen Anzahl vorhanden sein. Schon heute müssen die Kantone auf Notmassnahmen zurückgreifen und Studierende bereits vor ihrem Abschluss in Klassen einsetzen.

Und was noch bedenklicher ist: Um die Leerstellen in den Klassenzimmern zu füllen, stellen die Schulen immer häufiger Personen an, die nicht über die nötige fachliche und pädagogische Ausbildung verfügen. Gemäss einer aktuellen Studie des Schweizerischen Schulleiterverbandes ist jede vierte Lehrperson nicht für die Stufe ausgebildet, auf der sie unterrichtet. Zu all dem kommt erschwerend hinzu, dass 20 Prozent aller ausgebildeten Lehrkräfte innerhalb der ersten fünf Jahre aus dem Beruf aussteigen.

Zwar sind sich die Bildungspolitiker der Problematik des quantitativen und qualitativen Lehrermangels durchaus bewusst. Aber eine Strategie zu deren Bewältigung scheint so lange zu fehlen, als die Gründe für diesen zunehmenden Lehrermangel nicht offengelegt werden. Nach Beat Zemp, dem Präsidenten des Lehrerdachverbandes, liegt die Hauptschuld für den Lehrermangel bei den nicht mehr zeitgemässen Löhnen. Das mag zu einem guten Teil stimmen. Aber es gibt noch ganz andere, weit wichtigere Gründe, warum der Lehrerberuf zunehmend an Attraktivität verliert. Gründe, die nicht so sehr mit dem Lohn, als vielmehr mit den Arbeitsbedingungen zu tun haben.

Der Lehrerberuf ist im Begriff, massiv abgewertet zu werden. Bis anhin organisierten und erteilten die Lehrkräfte den Unterricht und genossen dabei, im Rahmen des Lehrplans, Methodenfreiheit. Sie leiteten die Geschicke ihrer Klassen und wurden von administrativem Krimskrams weitgehend verschont, so dass sie sich ihrer Hauptaufgabe, dem Unterrichten, widmen konnten. Zudem waren sie gleichberechtigte Mitglieder in einem Schulhausteam, in dem es keinen behördlich verordneten Schulleiter gab. Im Hinblick auf die Arbeitszeit brachte man ihnen grosses Vertrauen entgegen, was viele Lehrkräfte zum Anlass nahmen, zugunsten schulischer Aktivitäten auch Freizeit zu opfern.

Heute haben die Lehrkräfte nach dem Lehrplan 21 zu unterrichten, ohne den sie keinen Schritt mehr machen dürfen. Die einst hochgehaltene Methodenfreiheit ist nur noch Theorie. Der Frontalunterricht, der nachgewiesenermassen die besten Lernergebnisse brachte, ist verpönt. An seine Stelle tritt «selbstorganisiertes Lernen», bei dem die Schüler ihren Lernprozess selber steuern sollen und die Lehrperson nur noch als Coach an der Seitenlinie den Lernprozess begleitet. Dazu gesellt sich eine gewaltige Bildungsbürokratie: Die Lehrkräfte werden mehr denn je kontrolliert und evaluiert, mit Lernberichten, Beobachtungsbögen, Protokollen und Koordinationssitzungen belastet, so dass sie kaum mehr zum Unterrichten kommen, geschweige denn Zeit für den menschlichen Kontakt mit den Schülern finden. Trotz ihrer mehrjährigen Hochschulausbildung traut man ihnen nicht mehr zu, den Unterricht selbstständig zu organisieren. Es braucht dazu noch Lernberater, Schulentwickler, Evaluatoren, Supervisoren und Instruktoren, die zu kontrol­lieren haben, ob die einzelnen Lehrer in ihr Raster passen.

Zu all dem beklagen sich Lehrkräfte zunehmend über mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit durch die Schulbehörden und die Politik. Massive Budgetkürzungen zu Lasten der Bildung in vielen Kantonen, überfüllte Klassen und ständig neue administrative Aufgaben tragen dazu bei, dass bei den Lehrern das Gefühl fehlender Anerkennung für ihren anstrengenden Beruf entsteht. Kann es da noch verwundern, dass unter solchen Bedingungen immer mehr Lehrkräfte die Freude am Beruf verlieren?

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