Kolumne

Papa-Blog: Kinder, legt die Handys weg – sie sind wie Drogen

Der Umgang mit dem Smartphone gehört zu den grössten Herausforderungen in der Erziehung.

Jürg Ackermann
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Die Generation Smartphone.

Die Generation Smartphone.

Der Start ins neue Jahr ist oft mit Vorsätzen gepflastert. Nicht wenige Erwachsene dürften sich vorgenommen haben, 2020 weniger aufs Handy zu starren, stattdessen mehr Waldspaziergänge zu machen oder – wenn sie Eltern sind – mit ihren Kindern zu spielen.

Denn das Gerät mit seinen fast unendlichen Möglichkeiten übt mittlerweile auch auf Kinder eine derartige Faszination aus, dass man ständig auf der Hut sein muss, es nicht unbedacht irgendwo liegen zu lassen. Vor allem jetzt, wo der Ältere sich problemlos den Entsperrungscode merken kann. Innerhalb von wenigen Sekunden ist er auf Google, wo er mit einer Stichworteingabe ebenso schnell irgendeine Serie findet, die ihn fasziniert. Ninjago lässt grüssen.

Was man als Eltern schnell lernt: Es kommt schlecht an, wenn man vor seinen Kindern ständig Mails checkt, auf Facebook eine Belanglosigkeit postet oder sich von der neuesten Push-Nachricht ablenken lässt. «Papa, du luegsch immer ufs Handy und mir törfed nie», heisst es dann. Das führt bei Erwachsenen – zu Recht - zu argumentativen Notständen.

Meine Rede, als Journalist müsse ich wissen, was auf der Welt läuft, steht im Grunde genommen auch auf wackligen Beinen – vor allem an freien Tagen, wo es mir egal sein müsste, ob der Trump mit seinem Amtsenthebungsverfahren in der Bredouille steckt, die SVP einen neuen Präsidenten sucht oder Mikaela Shiffrin schon wieder ein Skirennen gewonnen hat.

Studien warnen vor zu viel Bildschirmzeit

Sicher ist: Das Digitale wird den Alltag im neuen Jahrzehnt noch viel stärker bestimmen. Entziehen kann man sich dem nicht, die Kinder völlig abschotten bringt auch nichts. Und dennoch lohnt es sich, sich ein paar Gedanken darüber zu machen. Denn fast alle Untersuchungen zum Thema sagen etwas Ähnliches - wie jüngst eine grosse Studie des US-Gesundheitsinstituts.

Kinder, die mehr als zwei Stunden täglich vor dem Bildschirm verbringen, schneiden bei Sprachtests und Denkaufgaben schlechter ab als Kinder, die bildschirmfrei erzogen werden und deren Gehirn sich dadurch viel besser entwickelt. Einige Experten vergleichen die technischen Erfindungen rund um die digitale Kommunikation mittlerweile mit Drogen, von denen die Menschen nur schwer wieder loskommen.

«Die Technologien, die wir entwickeln, sind toll, aber nicht für Kinder geeignet.»

Das sagte vor bald zehn Jahren nicht irgendein fundamentalistischer Technik-Gegner, sondern Steve Jobs, immerhin der Erfinder des I-Phones. Kein Wunder schicken Tech-Gurus, die in leitenden Positionen bei Facebook oder Google arbeiten, ihre Kinder immer öfter auf alternative Montessori- oder Waldorf-Schulen, wo sie mit digitalen Geräten möglichst nichts zu tun haben.  

Soweit muss man ja nicht gehen, dennoch lohnt es sich, bei der Bildschirm-Nutzung früh Pflöcke einzuschlagen. Zahlreiche Gespräche mit Eltern von älteren Kindern zeigen: Ohne Reglementierung geht gar nichts – auch wenn sich heutige Jugendliche im Internet auf eine Art und Weise vernetzen und sich ausdrücken können, die oftmals Staunen auslösen. Wer seine Kinder endlos surfen lässt, erweist ihnen einen Bärendienst. Wer als Jugendlicher nicht lernt, sich zu beschränken, schafft das auch später kaum.

Erst vor zwei Monaten warnte der Verband der deutschen Kinder- und Jugendärzte eindringlich davor, Kinder vor dem elften Lebensjahr ein eigenes Handy zu geben. Denn die permanente Reizüberflutung verlange nach immer mehr und sie untergrabe vor allem die Konzentrationsfähigkeit. Viele Jugendliche können Momente der Langeweile heute kaum mehr aushalten. Sie schauen beim Aufstehen und vor dem Schlafen-Gehen aufs Handy, lassen sich in der Nacht von Mitteilungen wecken oder geraten in Panik, wenn sie nicht wissen, wo ihr «Knochen» liegt. Denn Online läuft immer etwas. Die Angst, etwas zu verpassen, ist dementsprechend gross. 

Hobbys nach Kräften fördern

Uns wäre es früher nicht anders ergangen, hätten wir in unserer Jugendzeit elektronische Geräte in diesem Umfang zur Verfügung gehabt. Ich weiss noch, wie ich in den 1980er Jahren phasenweise wie ein Verrückter auf irgendeinem primitiven Computer-Spiel rum drückte, bei dem man mit verpixelter kaum erkennbarer Grafik Rekorde im Weit- und Hochsprung brechen konnte. Ohne Reglementierung der Eltern hätte ich das Gerät kaum mehr weggelegt.

Was kann man als Eltern tun? Vorbild sein, sich möglichst oft in der analogen Welt bewegen. Es ist sicher auch keine schlechte Idee, Hobbys, die ohne Bildschirm auskommen, nach Kräften zu fördern. Tennis oder Fussball spielen, Skifahren, Gitarre, Flöte oder Geige spielen, etwas basteln. Hauptsache, die Kinder machen etwas mit Leidenschaft, von dem sie bestenfalls auch später, wenn sie älter sind, noch profitieren. Von mir aus kann das auch Briefmarken sammeln sein. Wobei meine Söhne wohl gar nicht wüssten, wo es Briefmarken gibt und was die können – denn selbst Grüsse an Oma und Opa schicken wir mittlerweile nur noch via Handy.

Jürg Ackermann lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen (8 und 6 Jahre) in der Stadt St.Gallen.