Glosse

Keine fremden Glöckner, bitte

Scharfgezeichnet: Die EU-Bürger wollen die Winterzeit abschaffen. Die Schweiz sollte es ihr keinesfalls gleichtun.

Janina Gehrig
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 In der EU soll die Zeitumstellung abgeschafft werden.  (Bild: Christian Beutler/Keystone)

 In der EU soll die Zeitumstellung abgeschafft werden.  (Bild: Christian Beutler/Keystone)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Wer hat an der Uhr gedreht? Geht es nach den EU-Bürgern, soll sich diese Frage schon bald erübrigen. Eine klare Mehrheit möchte die Zeitumstellung im Frühling und Herbst abschaffen. Denn statt Energie zu sparen, hat die Sommerzeit seit 1981 die Menschen vor allem unglücklicher gemacht. Sie leiden im Frühjahr unter Mini-Jetlags und Schlafstörungen, bekommen Herzinfarkte, bauen mehr Autounfälle und begehen öfter Selbstmord.

Falls die Zeitumstellung tatsächlich abgeschafft würde, käme die Schweiz in Zugzwang. Dagegen sollten wir uns schon jetzt zur Wehr setzen. Wir wollen Schweizer Recht statt fremde Richter und deshalb auch Schweizer Zeit statt fremde Glöckner. Die Schweiz als Uhrenland würde zur «Zeitinsel» mitten in Europa – was für ein Coup! Vom letzten Oktobersonntag bis Ende März würden Einkaufstouristen endlich in umgekehrter Richtung über die Grenzen strömen.

Denn während Bregenz und Konstanz schon die Lichter löschen, gehen in Rorschach und Kreuzlingen noch lange ofenfrisches Brot, Streichhölzer und Lesebrillen über den Ladentisch. Nachtschwärmer würden unsere Beizen stürmen, weil das Bier eine Stunde länger vom Zapfhahn fliesst. Und vom Flughafen Altenrhein würden morgens viel mehr deutsche und österreichische Passagiere in die Ferien fliegen – ausgeschlafen, versteht sich. Für die Rettung des hiesigen Gewerbes nähmen wir das bisschen Migräne doch gerne in Kauf.