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Das «Kalifat» der Meinungen

In einem Büchlein prangert Giuseppe Gracia, Sprecher des Churer Bischofs, die «Meinungsdiktatur» in Politik und Medien an. Ausser Radau bewirkt er damit nichts.
Hansruedi Kugler
Hansruedi Kugler, Redaktor Focus

Hansruedi Kugler, Redaktor Focus

Es gibt Bücher, die sich schon mit ihrem Titel aus jeder Diskussion verabschieden. Giuseppe Gracia, St. Galler Autor und Sprecher des Churer Bischofs, hat gerade ein solch schmales, 60 Seiten dünnes Büchlein veröffentlicht. Es ist ein Pamphlet – eine polemische Wutrede. Der Titel: «Das therapeutische Kalifat». Darin prangert er die «Meinungsdiktatur» des «linksliberalen Mainstreams» in Politik und Medien an. Wer konservative Werte vertrete, würde von dieser selbst ernannten «Elite» zum Patienten erklärt, den es zu heilen gäbe. Historisch gesehen ist das Kalifat eine islamische Regierungsform, bei der die weltliche und die geistliche Führerschaft in der Person des Kalifen vereint sind.

Mit «Kalifat» verbindet man aber heute unweigerlich die Schreckensherrschaft des «Islamischen Staates» im Irak und in Syrien. Andersgläubige wurden und werden dort zum Abschwören ihres Glaubens gezwungen, umgebracht und versklavt. Westeuropäische linksliberale Moralisten mit Köpfeabschneidern, Vergewaltigern, fanatischen Fundamentalisten und Massenmördern zu vergleichen, ist mehr als eine ruppige Provokation. Es ist ein ebenso zynischer und unappetitlicher Vergleich, wie wenn man Massentierhaltung mit dem Holocaust gleichsetzt. Ein Nationalrat aus dem Aargau ist wegen eines solchen Vergleichs jüngst zurückgetreten.

Nun wird man sagen hören, das sei ja nur zugespitzt, nicht wörtlich gemeint. Man dürfe das doch noch sagen dürfen! Man solle nicht wieder so weich gespült und politisch korrekt tun! Mit dieser Kritik tappt man tatsächlich geradewegs in die Falle der Provokateure, die dann wieder sagen können: «Seht her, sie zensurieren die freie Rede!». Gracia ist Kolumnist beim «Blick», ihm verbietet niemand das Wort. Er sollte sich einfach nicht wundern, dass er mit solch unappetitlichen Vergleichen nur genauso unappetitlichen Applaus bei den einen, Kopfschütteln bei anderen auslöst – und ausser Radau nichts bewirkt. Das ist schade, denn über den Geltungsanspruch des eigenen Moralismus nachzudenken, sollte für jeden eine lebenslange Aufgabe sein. Bücher mit Titeln wie «Das therapeutische Kalifat» sind da gar keine Hilfe. Da ist man für einmal gerne politisch korrekt.

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