«Jung & Alt»-Kolumne
Das Leben einer Verlegerin

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche sucht sie einen Rat bei Hasler.

Samantha Zaugg
Samantha Zaugg
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In Zeiten von Homeoffice sammelt sich noch mehr Zeug in der eigenen Wohnung.

In Zeiten von Homeoffice sammelt sich noch mehr Zeug in der eigenen Wohnung.

Keystone

Lieber Ludwig

Du sagst, reiche Leute seien keine Dagobert Ducks, schwimmen nicht im Geld. Ihr Vermögen sei angelegt in Aktien, Firmen und allerhand. Darum könne man ihnen nicht ihr Geld wegnehmen und es wie Robin Hood an die Armen verteilen. Vielleicht hast du recht, vielleicht auch nicht. Ich weiss es nicht.

Beim Thema Geldanlage kann ich nicht mitreden. Bin keine Anlegerin. Bei etwas anderem hingegen kenne ich mich sehr gut aus. Ich bin Verlegerin. Nicht im publizistischen Sinn, sondern im wörtlichen. Ich verlege keine Zeitung, sondern mein Handy. Oder das Portemonnaie, Kopfhörer, Schlüssel und so weiter und so fort. Aber das sind Basics, das kann jeder. Ich bin fortgeschrittenere Verlegerin, verlege auch mal grössere oder ausgefallenere Sachen. Willst du mein bisheriges Husarenstück hören?

Ich habs tatsächlich geschafft einen A2-Zeichenblock zu verlegen. In einer Wohnung, die im Grunde aus einem Zimmer besteht.

Ich bestehe da übrigens auf sprach­liche Genauigkeit. Ich verliere meine Sachen nicht, o nein! Wunderselten hab ich etwas verloren. Ich verlege sie. Das ist ein Unterschied. Verlieren heisst, eine Sache, die einem gehört und die man auch behalten will, unwillentlich aufzugeben. Das Verlegen ist viel subtiler. Verlegen bedeutet: Man legt eine Sache an eine andere als die übliche Stelle und macht sie dadurch schwer auffindbar.

Beim Verlegen hat man also eine ungefähre Vorstellung, wo der vermisste Gegenstand abgeblieben sein könnte, und er kommt höchstwahrscheinlich wieder zum Vorschein. Klingt erst mal nach einem Vorteil. Aber ich als Expertin sage: Das Gegenteil ist der Fall! Das Wissen, dass sich das gesuchte Objekt in unmittelbarer Nähe befinden muss, macht das ganze besonders perfid. Dass man jetzt den Zug verpasst, weil man das Portemonnaie nicht findet, obwohl es nicht weit sein kann – es ist zum Verrücktwerden!

Manchmal kündigt es sich sogar an. Ich merke, dass ich nicht bei der Sache bin, denke: Obacht! Jetzt nur aufpassen, dass du nicht dein Portemonnaie verlegst! Mach jetzt bloss nichts Dummes – zack! Einmal geblinzelt, und weg ist es.

Und an dieser Stelle brauche ich deinen Rat. Gemeinhin gilt die Annahme, dass alte Leute tatterig und vergesslich sind. Aber ich hab das Gefühl: Mindestens bei diesem Thema verhält es sich anders. Die alten Leute, die ich kenne, rennen nicht kopflos durch die Wohnung, um das Portemonnaie zu suchen, das sie eben noch in der Hand hatten. Sag mir bitte, dass ihr Alten da einen Trick habt. Und dann verrat ihn mir auch gleich.

Samantha

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